{"id":1438,"date":"2020-05-04T22:11:44","date_gmt":"2020-05-04T20:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?page_id=1438"},"modified":"2020-05-04T22:11:55","modified_gmt":"2020-05-04T20:11:55","slug":"land-ohne-kultur","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/land-ohne-kultur\/","title":{"rendered":"Land ohne Kultur"},"content":{"rendered":"<p>\u201eKultur soll schrittweise wieder anlaufen\u201c, verk\u00fcndeten k\u00fcrzlich Kultur-Staatssekret\u00e4rin Ulrike Lunacek und Vizekanzler Werner Kogler. In seiner Funktion als Sportminister h\u00e4tte ich mir von Kogler eigentlich erwartet, dass er uns zeigt, wie das \u201eschrittweise Laufen\u201c in der Praxis funktioniert. Handelt es sich dabei um eine neue olympische Disziplin (ein Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck) oder blo\u00df um die typisch \u00f6sterreichische Umschreibung eines Zustands, von dem man nur wei\u00df, dass er f\u00fcr die Kulturschaffenden langsam aber sicher unertr\u00e4glich wird?<\/p>\n<p>Skurril mutete auch Lunaceks und Koglers Vorschlag an, bald wieder Theaterproben unter Einhaltung des Mindestabstands und mit Mund-Nasen-Schutz-Pflicht zu erm\u00f6glichen. Auch an diesem Beispiel sieht man, dass der Weg vom Vermummungsverbot zum Vermummungszwang oft k\u00fcrzer ist, als man denkt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00d6sterreich r\u00fchmt sich ja bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, ein Kulturland zu sein. Jetzt befinden wir uns insofern im Dilemma, als wir zwar ein Land haben, aber keine Kultur. Okay, ein paar K\u00fcnstlerInnen sind in den virtuellen Raum ausgewandert, wo es auf Dauer aber auch langweilig wird, weil es dort nicht so einfach ist, Geld zu verdienen. Und wie sagte schon Bertolt Brecht: \u201eKunst kostet Geld und Geld ist teuer.\u201c<\/p>\n<p>Als Marxist wusste Brecht aber auch, dass es Bereiche gibt, in denen Geld gar nicht teuer ist. Nehmen wir als Beispiel die \u00d6BB und die Westbahn: Die bekommen vom \u00f6sterreichischen Staat ruck zuck 48,3 Millionen Euro nur daf\u00fcr geschenkt, dass ihre Z\u00fcge weiterhin zwischen Wien und Salzburg verkehren. Die AUA wiederum h\u00e4tte gerne 800 Millionen, und wird sie auch bekommen, wobei man da noch ein bisschen tricksen muss, weil es ja bl\u00f6d ausschaut, wenn \u00d6sterreich die deutsche Lufthansa finanziert.<\/p>\n<p>Bei den Kulturschaffenden gibt man es naturgem\u00e4\u00df billiger. Da jubelt man schon, wenn der Covid-19-Fonds beim K\u00fcnstler-Sozialversicherungsfonds (KSVF) auf f\u00fcnf Million Euro aufgestockt wird. Wer jetzt aber glaubt, dass das so super ist, wie Frau Lunacek behauptet, der sollte sich einmal die realen Zahlen ansehen, die der KSVF auf seiner Homepage ver\u00f6ffentlicht hat. Da kann man mit Stand 19. April lesen, dass von 2.559 Antr\u00e4gen bis dato 821 (das sind 31 %) positiv erledigt wurden, und 598.000 Euro ausbezahlt wurden. Im Klartext hei\u00dft das, dass jede\/r AntragstellerIn als <i>einmalige<\/i> Hilfeleistung im Durchschnitt 728 Euro erhalten hat. Eine Zahl, ein Skandal.<\/p>\n<p>Stolz verk\u00fcndet der KSVF auch, dass bereits 77 K\u00fcnstlerInnen eine Dankesmail an den Fonds geschickt haben. Genau das ist es, was hierzulande von K\u00fcnstlerInnen erwartet wird: Dass sie sich sch\u00f6n brav bedanken, wenn sie ein paar Almosen bekommen. Fehlt nur noch, dass die Kulturschaffenden jeden Tag um 18 Uhr ihre Fenster \u00f6ffnen und ein Loblied auf den KSVF anstimmen sollen.<\/p>\n<p>Der shut down im Kulturbetrieb dauert f\u00fcr viele K\u00fcnstlerInnen von Mitte M\u00e4rz bis Mitte September (wenn alles gut geht), das sind sechs Monate ohne die M\u00f6glichkeit, in seinem Beruf Geld zu verdienen. K\u00fcnstlerInnen brauchen Pr\u00e4sentationsr\u00e4ume, Institutionen und die entsprechende Infrastruktur und K\u00fcnstlerInnen brauchen Publikum. Wenn das alles f\u00fcr sechs Monate oder l\u00e4nger wegbricht, sieht es f\u00fcr die Kultur in diesem Land finster aus.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aufgabe der Politik w\u00e4re es, und da ist auch Frau Lunacek in die Pflicht zu nehmen, f\u00fcr eine massive Aufstockung der diversen Hilfsfonds f\u00fcr Kulturschaffende- und vermittler zu sorgen und zu gew\u00e4hrleisten, dass diese Hilfen tats\u00e4chlich \u201eunb\u00fcrokratisch und serviceorientiert\u201c ausbezahlt werden. Die Regierung hat uns mit ihren Ma\u00dfnahmen in dieses Dilemma hineinman\u00f6vriert, jetzt soll sie gef\u00e4lligst schauen, wie wir da wieder herauskommen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es ist absolut nicht einzusehen, dass in die Wirtschaft Milliarden gepumpt werden, die Kulturschaffenden aber mit Almosen abgespeist werden. Andererseits: Was soll man von einer Regierung erwarten, deren Kulturverst\u00e4ndnis bei \u201eI am from Austria\u201c endet? Ein Wunder, dass in Tirol die Polizei nicht das Ambros-Lied \u201eSchifoan\u201c gespielt hat: \u201eOb&#8217;m auf der H\u00fctt&#8217;n kauf&#8216; I ma an Jagatee\u201c. Die Tiroler Seilbahnwirtschaft h\u00e4tte dieses Unterfangen sicher gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Politisch ist das alles eine Katastrophe, aber besonders schlimm ist, dass die Gr\u00fcnen auch noch stolz darauf sind, bei diesem Trauerspiel mitwirken zu d\u00fcrfen, wenn auch nur als StatistInnen.<\/p>\n<p><i>Der Standard, Kommentar der anderen, 21. April 2020<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKultur soll schrittweise wieder anlaufen\u201c, verk\u00fcndeten k\u00fcrzlich Kultur-Staatssekret\u00e4rin Ulrike Lunacek und Vizekanzler Werner Kogler. 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