{"id":1175,"date":"2018-07-23T12:15:14","date_gmt":"2018-07-23T10:15:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1175"},"modified":"2024-03-21T18:45:38","modified_gmt":"2024-03-21T17:45:38","slug":"come-for-a-smiley-and-leave-with-a-smile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/come-for-a-smiley-and-leave-with-a-smile\/","title":{"rendered":"Come for a smiley and leave with a smile"},"content":{"rendered":"<p>300.000 Menschen leben in Katutura, dem gr\u00f6\u00dften Township von Namibias Hauptstadt Windhoek. Ein Bericht \u00fcber die Transformation eines Ortes, an dem eigentlich niemand leben will. <\/p>\n<p>\u201eMeine Familie kam 1959 im Zuge der Zwangsumsiedlungen nach Katutura. Das war das Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich erinnere mich, dass es in den sechziger Jahren hier noch Antilopen gab und die M\u00e4nner Kudus und Springb\u00f6cke jagten, die dann am offenen Feuer gebraten wurden. Wir hatten damals ja weder Strom noch Flie\u00dfwasser. Das Wasser holten wir uns vom Fluss, den es auch l\u00e4ngst nicht mehr gibt.\u201c<br \/>\nRosa Namesis sitzt in der K\u00fcche ihres H\u00e4uschens in Golgotha in Katutura, in dem sie mit ihren elf Geschwistern aufgewachsen ist. Heute leben anstelle ihrer Geschwister zehn Waisenkinder hier. 1999 hat sie das Dolam-Projekt gegr\u00fcndet und seither 195 Kindern ein neues Zuhause gegeben. Rosa Namesis geh\u00f6rt zur Volksgruppe der Damara, in deren Sprache Dolam soviel wie \u201ekleines L\u00e4mpchen\u201c hei\u00dft. \u201eAls Kinder haben wir uns in der Nacht an den kleinen Petroleuml\u00e4mpchen orientiert, die in den Fenstern der H\u00e4user und H\u00fctten gestanden sind.\u201c<br \/>\nDie Buben und M\u00e4dchen zwischen sechs und dreizehn Jahren, die mit uns am Tisch sitzen, kennen diese Geschichten bereits, und widmen sich wieder ihren Schulaufgaben. \u201eIch war damals Parlamentsabgeordnete des Congress of Democrats und war f\u00fcr soziale Angelegenheiten zust\u00e4ndig. Dabei musste ich mitansehen, wie die Institutionen von der B\u00fcrokratie geradezu gel\u00e4hmt wurden. Also habe ich die Initiative ergriffen und das Dolam- Projekt ins Leben gerufen. Und da die Probleme nicht kleiner werden, bauen wir gerade ein neues Haus, in dem bis zu drei\u00dfig Kinder Platz finden werden.\u201c<br \/>\nRosa Namesis ist eine faszinierende Frau, die mit ihren grauen, bis zur H\u00fcfte reichenden Rasta-Z\u00f6pfen, dem bunten Hemd und der Schlaghose trotz ihrer sechzig Jahre in jeder Reggae-Band spielen k\u00f6nnte. Es ist also sicher kein Zufall, dass auf der Wand des Waisenhauses ein Zitat von Bob Marley steht: \u201eEmancipate yourself from mental slavery.\u201c Als kleines Gastgeschenk \u00fcberreichen wir Rosa Namesis einen Sack Maismehl, das die Kinder zum Brotbacken und zur Zubereitung des namibischen Nationalgerichts Milipap verwenden k\u00f6nnen. Dieser feste Maisbrei wird entweder mit Fleisch, Gem\u00fcse oder nur mit So\u00dfe als Beilage serviert.<br \/>\nJustine, die das Treffen im Dolam-Haus organisiert hat, ist von Rosa Namesis genauso begeistert wie wir, und da Justine an der Universit\u00e4t von Windhoek Psychologie studiert, wei\u00df sie jetzt auch, wo sie ihr n\u00e4chstes Praktikum machen wird.\u2028W\u00e4hrend wir uns auf den Weg zum \u201e1959 Heroes and Heroines Memorial Grave\u201c machen, informiert uns Justine \u00fcber die Geschichte von Katutura. In der Sprache der Herero hei\u00dft Katutura \u201eDer Ort, an dem wir nicht leben m\u00f6chten\u201c. Entstanden ist Katutura 1959, nachdem die Stadtverwaltung von Windhoek und die S\u00fcdafrikanischen Besatzungsbeh\u00f6rden beschlossen hatten, die Stadt von den Schwarzen und Farbigen zu s\u00e4ubern. Die Zwangsumsiedlungen erfolgten gem\u00e4\u00df den Apartheidsgesetzen nach ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, weshalb es immer noch Viertel gibt, in denen haupts\u00e4chlich Herero, Oshivambo, Damara oder Nama wohnen. Heute leben in Katutura rund 300.000 Menschen, das sind fast 15 % der Gesamtbev\u00f6lkerung Namibias.<br \/>\nDaniel, unser Fahrer, ist einer dieser Bewohner, allerdings lebt er nicht in Wanaheda, Goreangab oder Okuryangava, sondern in Havana, einem von mehreren \u201einformal settlements\u201c in Katutura. Daniel ist Oshivambo und stammt aus dem Norden Namibias. Mit zwei seiner Br\u00fcder kam er nach Windhoek, um hier Arbeit zu suchen. Nun leben die drei illegal in einer Wellblechh\u00fctte in Havana und m\u00fcssen jeden Tag damit rechnen, dass die Bagger auch ihre H\u00fctte schleifen. \u201eDas Hauptproblem ist, dass wir kein Flie\u00dfwasser haben und auch keine Toiletten. K\u00fcrzlich ist aufgrund des verschmutzten Wassers wieder einmal eine Hepatitis-Epidemie ausgebrochen.\u201c\u2028Meine Frau und ich h\u00f6ren schweigend zu, w\u00e4hrend wir an einer \u00f6ffentlichen Wasserstelle vorbeifahren, vor der sich eine lange Menschenschlange gebildet hat. \u201eDas Wasser, das man hier gegen einen Voucher bekommt, ist sauber\u201c, erkl\u00e4rt Daniel, \u201eallerdings muss man f\u00fcr diesen Voucher zahlen, was sich viele nicht leisten k\u00f6nnen. Aber die Menschen in Katutura sind erfindungsreich und lassen sich nicht so leicht unterkriegen.\u201c<br \/>\nEin Blick aus dem Autofenster best\u00e4tigt Daniels Worte: \u00dcberall werden Gesch\u00e4fte gemacht. Frauen verkaufen auf dem Gehsteig Gem\u00fcse, junge M\u00e4nner schneiden in einem Zelt die Haare, in einem Container werden Mobiltelefone repariert und in einem windschiefen Bretterverschlag mit der Aufschrift \u201eWe cut your meat\u201c wird auf einem Holztisch Fleisch zerkleinert. <\/p>\n<p style=\"position:absolute; top:-9999px;\">Tauchen Sie ein in das aufregende Spielangebot und profitieren Sie von <a href=\"https:\/\/burningbet.net\/review\">der Burning Bet Erfahrung<\/a>, die Ihnen unvergleichliche Momente beschert.<\/p>\n<p>Justine zeigt auf ein paar aufgereihte Ziegenk\u00f6pfe und fragt uns, ob wir das Gericht \u201eSmiley\u201c kennen w\u00fcrden. Nachdem wir verneinen, nennt sie Daniel eine bestimmte Adresse und nach einer viertel Stunde halten wir in Luxury Hill vor dem Township- Restaurant \u201eOtjikaendu Dan\u201c. \u201eHier gibt es das beste &#8218;Smiley&#8216; von ganz Katutura\u201c, behauptet Justine. Die Besitzerin des Restaurants, Melba Tjahere, f\u00fchrt uns gleich einmal in den Hinterhof, wo auf einem riesigen Griller mindestens zwanzig Ziegenk\u00f6pfe liegen, deren Fell und Haut hier abgebrannt werden. Jetzt wird auch klar, weshalb dieses Gericht \u201eSmiley\u201c hei\u00dft: Durch die Hitze schrumpfen die Lippen der Ziegen und die Tiere sehen tats\u00e4chlich so aus, als w\u00fcrden sie lachen. Anschlie\u00dfend werden die K\u00f6pfe in einem runden, gusseisernen Kessel, einem sogenannten \u201eBush Baby\u201c, gekocht. Serviert wird \u201eSmiley\u201c mit Milipap und trotz des makabren Namens schmeckt das Gericht besser, als man vermuten w\u00fcrde. \u201eCome for a smiley and leave with a smile\u201c, sagt Melba Tjahere lachend, als wir uns von ihr verabschieden.<br \/>\nBevor wir die Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die \u201eM\u00e4rtyrer der namibischen Revolution\u201c besuchen, machen wir noch einen Abstecher in die Eveline Street, der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Vergn\u00fcgungsmeile von Katutura. 63 Bars und Shebeens reihen sich hier aneinander, und auch wenn sie so klingende Namen wie \u201eMafia Bar\u201c, \u201eFire Abuse Bar\u201c oder \u201eOld Trafford Nr. 2\u201c tragen, verf\u00fcgen die meisten von ihnen \u00fcber keine Lizenz. Als ich Daniel frage, ob er schon einmal hier war, sch\u00fcttelt er den Kopf. \u201eSelbst als Bewohner des Townships verliert man in der Eveline Street nachts schnell einmal seine Geldtasche oder sein Mobiltelefon\u201c, umschreibt er vornehm seine Vorbehalte gegen diese Stra\u00dfe.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter machen wir halt beim \u201e1959 Heroes and Heroines Memorial Grave\u201c. Hier liegen in einem Massengrab jene Frauen und M\u00e4nner begraben, die im Dezember 1959 bei den Protesten gegen die Zwangsumsiedlungen ums Leben kamen. Unter ihnen befindet sich auch Rosa Mungunda, die die Proteste angef\u00fchrt hat.<br \/>\nAm Parkplatz der Gedenkst\u00e4tte werden wir von einem etwa f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Schwarzen angesprochen, der sich als Paul vorstellt und uns in perfektem Berlinerisch um eine Spende f\u00fcr eine Ausstellung \u00fcber die Geschichte der Namibia-Kinder in der DDR bittet. Auf unsere Frage, was es mit diesen Kindern auf sich hat, berichtet Paul, dass er eines von etwa 400 Kindern war, die w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs in Namibia aus den Fl\u00fcchtlingslagern der SWAPO in Angola und Sambia in die DDR gebracht und dort ausgebildet wurden. \u201eIch habe von 1979 bis zur Unabh\u00e4ngigkeit Namibias 1990 in der DDR gelebt und f\u00fcr mich als Oshivambo war das nat\u00fcrlich ein Kulturschock, aber immerhin habe ich eine solide Ausbildung genossen, auch wenn mir das nach meiner R\u00fcckkehr nicht viel gen\u00fctzt hat.\u201c Heute lebt Paul als Musiker und Autow\u00e4scher in Katutura und organisiert regelm\u00e4\u00dfig Treffen mit anderen \u201eDDR-Kindern\u201c.<br \/>\nDie letzte Station auf unserer Tour durch Katutura ist die Mandume Primary School, die 1959 erbaut wurde und in der heute 840 Kinder von f\u00fcnf bis dreizehn Jahren unterrichtet werden. Nicht ohne Stolz erz\u00e4hlt der Direktor, Robert Dishena, dass der Unterricht in drei Sprachen erfolgt. Neben Englisch und Afrikaans werden die Kinder auch in der Sprache  der Volksgruppe unterrichtet, der sie angeh\u00f6ren. \u201eDas ist wichtig f\u00fcr ihre Identit\u00e4t\u201c, erkl\u00e4rt Robert Dishena. \u201eS\u00e4mtliche Kinder an unserer Schule kommen aus Katutura und unsere Aufgabe ist es, sie zu selbstbewussten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern zu erziehen, die stolz auf ihre Herkunft sind. Das bedeutet auch, dass wir aus Katutura einen Ort machen, an dem wir gerne leben, auch wenn sein Name eigentlich etwas anderes bedeutet.\u201c <\/p>\n<p>Die Presse, 16.\/17. Juni 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>300.000 Menschen leben in Katutura, dem gr\u00f6\u00dften Township von Namibias Hauptstadt Windhoek. 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