{"id":1182,"date":"2018-07-23T12:19:52","date_gmt":"2018-07-23T10:19:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1182"},"modified":"2018-07-23T12:19:52","modified_gmt":"2018-07-23T10:19:52","slug":"karl-marx-und-der-zwoelfstundentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/karl-marx-und-der-zwoelfstundentag\/","title":{"rendered":"Karl Marx und der Zw\u00f6lfstundentag"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge der Nationalratsdebatte zur Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit hat Sozialministerin Beate Hartinger-Klein von der FP\u00d6 versucht, dieses Gesetz mit einem Zitat von Karl Marx zu verteidigen: \u201eFreiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann\u201c. Und die Ministerin f\u00fcgte hinzu: \u201eMit der nun vorliegenden Arbeitszeitregelung ist diese Freiheit f\u00fcr jedermann und jederfrau m\u00f6glich.\u201c<br \/>\nDass die FP\u00d6 in ihrer von Demagogie gepr\u00e4gten Politik vor keiner L\u00fcge zur\u00fcckschreckt, ist allgemein bekannt. So gesehen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine FP\u00d6-Ministerin ausgerechnet Marx einen Satz in den Mund legt, den dieser nie gesagt oder geschrieben hat. Urheber dieses Zitats ist vielmehr der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der von Marxens Weltanschauung ungef\u00e4hr so weit entfernt ist wie Hartinger-Klein, Strache oder Kickl.<br \/>\nDass FP\u00d6-Politiker Marx lesen, kann man nicht erwarten, weil die Lekt\u00fcre von Marx ein Mindestma\u00df an intellektuellen F\u00e4higkeiten voraussetzt. Aber gesetzt den Fall, sie w\u00fcrden sich tats\u00e4chlich die M\u00fche machen, Marx zu studieren, dann w\u00fcrden sie z. B. im \u201eKapital\u201c dutzende Passagen finden, in denen sich Marx ausf\u00fchrlich mit der Frage der Arbeitszeit besch\u00e4ftigt.<br \/>\nIm \u201eKapital\u201c prangert Marx t\u00e4gliche Arbeitszeiten von 10 bis 16 Stunden auf das sch\u00e4rfste an, und bezeichnet dieses System als ein \u201eSystem unbeschr\u00e4nkter Sklaverei in sozialer, physischer, moralischer und intellektueller Beziehung.\u201c Marx kritisiert, dass eine Arbeitszeit von mehr als acht Stunden t\u00e4glich den individuellen Arbeiter \u201ein einen Teilmenschen verst\u00fcmmelt und seine Lebenszeit in Arbeitszeit verwandelt.\u201c<br \/>\nGleichzeitig schreibt Marx im \u201eKapital\u201c aber auch, dass f\u00fcr das Kapital die L\u00e4nge eines Arbeitstags \u201evon sehr elastischer Natur ist und den gr\u00f6\u00dften Spielraum erlaubt. So finden wir Arbeitstage von 8, 10, 12, 14, 16 oder 18 Stunden.\u201c Im Klartext hei\u00dft das, und dar\u00fcber sollte sich niemand Illusionen machen, dass der Zw\u00f6lfstundentag nicht das Ende der Angriffe des Kapitals auf die Lohnabh\u00e4ngigen ist, sondern erst der Anfang.<br \/>\nIm Zusammenhang mit dem \u201eTrieb des Kapitals nach Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages\u201c schreibt Marx nicht umsonst vom \u201eWerwolfshei\u00dfhunger des Kapitals, dessen einziger Lebenstrieb es ist, Mehrwert zu schaffen und die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Masse Mehrarbeit einzusaugen\u201c. Und weiter schreibt er: \u201eDas Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrm\u00e4\u00dfig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.\u201c<br \/>\nDer erste Band des \u201eKapitals\u201c ist 1867 zu einem Zeitpunkt erschienen, als der Kampf der internationalen Arbeiterklasse um den Acht-Stunden-Tag einen ersten H\u00f6hepunkt erreicht hatte. In England, in den USA, in Australien und vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern gingen Millionen Menschen auf die Stra\u00dfe, um unter der Losung: \u201eAcht Stunden Arbeit \u2013 acht Stunden Schlaf \u2013 acht Stunden Freizeit und Erholung\u201c, f\u00fcr den Acht-Stunden-Tag zu demonstrieren. Es kam zu gewaltigen Streikaktionen, die mittelfristig auch zu Verbesserungen der Arbeitssituation der Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fchrten. In Gro\u00dfbritannien beispielsweise war der Zehn-Stunden-Tag bereits 1848 gesetzlich festgeschrieben worden, was die Kapitalisten allerdings nicht daran hinderte, Kinder illegal bis zu 18 Stunden t\u00e4glich arbeiten zu lassen.<br \/>\nOb ein Mensch acht oder zw\u00f6lf Stunden arbeitet, ist nicht egal. Warum das so ist, ist nachzulesen in der Schrift \u201eDie heilige Familie\u201c von Karl Marx und Friedrich Engels, und der folgende Satz sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die f\u00fcr das neue Arbeitszeitgesetz in \u00d6sterreich verantwortlich sind:<br \/>\n\u201eVon der Arbeitszeit h\u00e4ngt es ab, ob die Gesellschaft die Zeit hat, sich menschlich auszubilden.\u201c<\/p>\n<p>Der Standard, 14.\/15. Juli 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Nationalratsdebatte zur Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit hat Sozialministerin Beate Hartinger-Klein von der FP\u00d6 versucht, dieses Gesetz mit einem Zitat von Karl Marx zu verteidigen: \u201eFreiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann\u201c. 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