{"id":1368,"date":"2019-11-24T20:54:43","date_gmt":"2019-11-24T19:54:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1368"},"modified":"2019-11-24T20:54:51","modified_gmt":"2019-11-24T19:54:51","slug":"eine-rede-zum-jugoslawienkrieg-1999","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/eine-rede-zum-jugoslawienkrieg-1999\/","title":{"rendered":"Eine Rede zum Jugoslawienkrieg 1999"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, <\/p>\n<p>der \u00f6sterreichische Schriftsteller Adalbert Stifter hat am 11. Juli 1859 folgenden Kommentar zum gegenw\u00e4rtigen Krieg in Jugoslawien abgegeben: <\/p>\n<p>\u201eW\u00e4ren Recht und Sitte die h\u00f6chsten G\u00fcter bei allen V\u00f6lkern der Welt, dann w\u00e4re dieser Krieg unm\u00f6glich, und der Mensch d\u00fcrfte sich ohne Err\u00f6ten das Beiwort vern\u00fcnftig geben. Jenes Scheusal Krieg aber, wenn es so leichtfertig erhoben werden kann, macht, da\u00df man mit Scham sein Haupt vor der Menschheit, die sich vern\u00fcnftig nennt, verh\u00fcllen m\u00f6chte. Europa hat mich in letzter Zeit angeekelt und vor allem Deutschland betr\u00fcbt mich tief. Es gibt nicht eine Stimme in diesem Land, welche mit Entr\u00fcstung gegen L\u00fcge und Unrecht spricht.\u201c<\/p>\n<p>Wenn man diesen 140 Jahre alten Text Adalbert Stifters den Meldungen gegen\u00fcberstellt, die seit nunmehr 53 Tagen \u00fcber den Krieg in Jugoslawien verbreitet werden, dann dr\u00e4ngt sich auch heute die Frage auf, ob der Mensch \u00fcberhaupt noch als vernunftbegabtes Wesen bezeichnet werden kann oder ob er  jemals in der Lage sein wird, aus der Geschichte zu lernen.<\/p>\n<p>Ich habe vor kurzem die 1897 geborene Architektin und antifaschistische Widerstandsk\u00e4mpferin Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky besucht, und als wir w\u00e4hrend unserer Unterhaltung auf den Krieg in Jugosalwien zu sprechen kamen, erz\u00e4hlte mir Frau Sch\u00fctte-Lihotzky, da\u00df es ihr heute so vork\u00e4me, als h\u00e4tte sie alles, was sich derzeit auf dem Balkan abspielt, bereits einmal erlebt. Die Nachrichten, die sie heute \u00fcber diesen Konflikt h\u00f6re, kl\u00e4ngen nicht viel anders als die antiserbische Propaganda, die im Sommer 1914 hierzulande verbreitet wurde. Je l\u00e4nger wir \u00fcber den Krieg in Jugoslawien sprachen, desto genauer erinnerte sie sich wieder an Details aus ihrer Jugend, an die singenden Soldaten, die am 28. Juli 1914, dem Tag der Kriegserkl\u00e4rung \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien, jenes Donauschiff betraten, mit dem sie und ihr Vater gerade in die Ferien fahren wollten, an die antiserbische Hetze in den Zeitungen und an die Politiker, die ein schnelles Ende des Krieges und einen glorreichen Sieg versprachen.<\/p>\n<p>Nach diesem Gespr\u00e4ch mit Frau Sch\u00fctte-Lihotzky wurde mir klar, was Karl Marx meinte, als er davon sprach, da\u00df sich in der Geschichte alles zweimal wiederhole, und zwar einmal als Trag\u00f6die und einmal als Farce. Und in der Tat: Sieht man sich die Schmierenkom\u00f6dianten an, die in dieser blutigen Farce um Jugoslawien die Hauptrollen spielen, so glaube ich, da\u00df Marx recht hatte. <\/p>\n<p>Erst ab dem Zeitpunkt, ab dem mir klar wurde, da\u00df Leute wie Joschka Fischer, Tony Blair, Madelaine Albright oder Rudolf Scharping nichts anderes als Hauptdarsteller in einem schlecht inszenierten St\u00fcck sind, in dem es nat\u00fcrlich auch Statisten wie Viktor Klima oder Wolfgang Sch\u00fcssel gibt, wurde mir bewu\u00dft, da\u00df es an uns, also am Publikum, liegt, diese Leute wieder von der politischen B\u00fchne zu verjagen. <\/p>\n<p>Diese Erkenntnis, so banal sie auch sein mag, ist gerade in einem solchen Krieg, der auch ein Propagandakrieg ist, wichtig, denn eine Strategie der NATO-Kriegstreiber zielt mit Sicherheit darauf ab, aus uns lethargische Fernseh-Idioten zu machen, die diesen Krieg bestenfalls als Video-Unterhaltung konsumieren. Nat\u00fcrlich hofft die NATO auf Zeitgewinn und darauf, da\u00df die Menschen m\u00fcde und abgestumpft werden, da\u00df sie sagen, gegen diesen Krieg k\u00f6nne man ohnehin nichts machen. Bertolt Brecht hat 1952 in seiner Botschaft an den Weltkongre\u00df f\u00fcr den Frieden in Wien geschrieben, da\u00df der \u201e\u00e4u\u00dferste Grad der Abgestumpftheit gegen\u00fcber der Politik der Tod\u201c ist und da\u00df man mit allen Mitteln gegen diese Abgestumpftheit ank\u00e4mpfen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Da\u00df uns die NATO-Propagandisten schon f\u00fcr sehr dumm und abgestumpft halten, zeigen zahlreiche Meldungen, die die NATO t\u00e4glich verbreitet, und die vom ORF und von den \u00f6sterreichischen Printmedien ohne kritische Hinterfragung weitergeleitet werden. So konnte man beispielsweise am 22. und 23. April 1999 in einigen \u00f6sterreichischen Zeitungen folgende Notiz lesen: \u201eDie NATO hat best\u00e4tigt, da\u00df bei ihren Angriffen auf Jugoslawien auch Gescho\u00dfe mit einer radioaktiven Ummantelung eingesetzt werden. Ein NATO-Sprecher teilte mit, da\u00df diese Munition aber wegen ihres schwachen Urangehalts f\u00fcr unbeteiligte Zivilisten nicht gesundheitsgef\u00e4hrdend sei.\u201c <\/p>\n<p>Man mu\u00df diese Meldung zweimal lesen, um den Zynismus und die absolute Kaltschn\u00e4uzigkeit der Kriegspropagandisten in ihrer ganzen Tragweite erfassen zu k\u00f6nnen: Die NATO behauptet demnach, da\u00df die von ihr freigesetzten radioaktiven Strahlen einen Unterschied machen w\u00fcrden zwischen \u201eunbeteiligten Zivilisten\u201c und \u201ebeteiligten Soldaten\u201c. Es ist \u00fcbrigens bezeichnend, da\u00df diese Meldung in deutschen Medien zu zahlreichen kritischen Berichten f\u00fchrte, die \u00f6sterreichischen Journalisten dieses Thema aber einfach ignorierten. Nachdenklich sollte im Zusammenhang mit der Verwendung der Uran-Munition die Erkenntnis des amerikanischen Arztes und Umweltphysikers Prof. Doug Rokke stimmen, der in einem Interview im WDR-Magatzin Monitor sagte: \u201eDie Apaches und die A-10 feuern in jeder Minute tausende Uran-Geschosse ab. Jedes Gescho\u00df enth\u00e4lt rund ein halbes Pfund Uran-238. Wir bek\u00e4mpfen die Serben, damit die vertriebenen Kosovaren zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Aber wie sollen die Kosovaren in diese Gegend zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, in eine radioaktive W\u00fcste, wo ihr Land, ihre St\u00e4dte mit Uran-Geschossen \u00fcbers\u00e4t sind?\u201c In derselben Sendung best\u00e4tigte \u00fcbrigens Joschka Fischer den Einsatz dieser Uran-Munition, erkl\u00e4rte aber gleichzeitig, da\u00df \u201edavon auszugehen sei, da\u00df Gef\u00e4hrdungen der von Ihnen beschriebenen Art f\u00fcr Mensch und Umwelt nicht auftreten.\u201c<\/p>\n<p>Und der deutsche Kriegsminister Scharping sagte ebenfalls in dieser Sendung: \u201eIn einem solchen, nennen wir es mal Krieg, in einer solchen Auseinandersetzung, gibt es leider in gewissem Umfang auch Opfer, die man gar nicht beabsichtigt und die man unbedingt vermeiden will.\u201c Scharping wies \u00fcbrigens zu Kriegsbeginn einen Journalisten, der das Wort \u201eBombardement\u201c in den Mund nahm, mit den Worten zurecht: \u201eDas Wort Bombardement h\u00f6re ich gar nicht gerne. Bei den NATO-Aktivit\u00e4ten in Jugoslawien handelt es sich um eine Friedensmission.\u201c <\/p>\n<p>Die sprachliche S\u00e4uberungsaktion, die mit Kriegsbeginn in den Medien einsetzte, w\u00e4re \u00fcbrigens einer eingehenden Untersuchung wert. Als vor einigen Wochen eine NATO-Bombe f\u00fcnfundsiebzig Fl\u00fcchtlinge zerfetzte, durfte f\u00fcr diese Aktion im ORF ein Milit\u00e4rexperte beispielsweise unwidersprochen den Begriff \u201eRestunsch\u00e4rfe\u201c verwenden, mit der man in einem solchen Konflikt halt rechnen m\u00fcsse. Und CIA-Direktor Tenet sagte zum Bombardement der chinesischen Botschaft in Belgrad, hier handle es sich um keinen kriegerischen Akt, sondern um eine \u201eAnomalie\u201c.  Und Milit\u00e4rs bezeichnen die zivilen Opfer und Sch\u00e4den an nicht-milit\u00e4rischen Objekten als \u201eKollateral-Sch\u00e4den\u201c, zu deutsch: \u201ebenachbarte Sch\u00e4den\u201c.<\/p>\n<p>Was nun die Berichterstattung des ORF zum Thema Krieg in Jugoslawien betrifft, so finde ich, da\u00df diese ein gigantischer Skandal ist. Der ORF ist im Laufe der letzten 53 Tage mehr oder weniger zu einem verl\u00e4ngerten Arm der NATO-Propagandamaschine verkommen und es ist bezeichnend, da\u00df im NATO-Land Deutschland mehr kritische Berichte \u00fcber diesen Krieg gesendet werden, als im neutralen \u00d6sterreich. F\u00fcr den ORF gilt: Im Zweifelsfall hat immer die NATO recht. Es ist m\u00fc\u00dfig, hier weiter auf Details einzugehen, aber symptomatisch f\u00fcr mich war jene ORF-Teletextmeldung, in der lapidar mitgeteilt wurde, da\u00df im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei zwanzig kurdische \u201eFreisch\u00e4rler\u201c, wie das im ORF-Jargon hei\u00dft, bei einer Milit\u00e4roperation von Soldaten erschossen wurden. Diese Meldung wurde vor ein paar Wochen genau an jenem Tag verbreitet, an dem auf ORF 2 die intellektuelle Speerspitze der heimischen ORF-Unterhaltung, bestehend aus Claudia St\u00f6ckl und Peter Rapp, jedes Arschgesicht vor die Kamera holte, das, vor Schmalz triefend, um Geldspenden f\u00fcr die Kosovo-Fl\u00fcchtlinge betteln und so nebenbei auch noch ein bi\u00dfchen Eigenreklame machen durfte. Bei soviel Engagement des ORF f\u00fcr nationale Minderheiten freue ich mich schon auf den Tag, an dem der ORF f\u00fcnfzehn Stunden lang f\u00fcr die kurdischen Fl\u00fcchtlinge Geld sammeln wird.<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>nach 53 Kriegstagen hat sich die Spirale des Wahnsinns in Jugoslawien in ungeahnte H\u00f6hen geschraubt und noch immer ist kein Ende dieses verbrecherischen Krieges in Sicht. Angesichts dieser deprimierenden Erkenntnis verstehe ich jeden, der verzweifelt und resigniert. Und aus diesem Grunde will und kann ich am Ende meiner Rede weder eine L\u00f6sung noch eine Losung anbieten, sondern nur jenen Appell wiederholen, den Brecht 1952 an den V\u00f6lkerkongre\u00df f\u00fcr den Frieden richtete, und der leider heute noch genauso aktuell ist wie damals:<\/p>\n<p>\u201eLa\u00dft uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! La\u00dft uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller \u00d6ffentlichkeit vorbereiten, nicht die H\u00e4nde zerschlagen werden.\u201c<\/p>\n<p>Ich danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Rede, gehalten bei einer Antikriegsdemonstration in Wien am 15. Mai 1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, der \u00f6sterreichische Schriftsteller Adalbert Stifter hat am 11. Juli 1859 folgenden Kommentar zum gegenw\u00e4rtigen Krieg in Jugoslawien abgegeben: \u201eW\u00e4ren Recht und Sitte die h\u00f6chsten G\u00fcter bei allen V\u00f6lkern der Welt, dann w\u00e4re dieser Krieg unm\u00f6glich, und der Mensch d\u00fcrfte sich ohne Err\u00f6ten das Beiwort vern\u00fcnftig geben. 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