{"id":1388,"date":"2020-01-14T18:44:18","date_gmt":"2020-01-14T17:44:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1388"},"modified":"2020-01-14T18:44:25","modified_gmt":"2020-01-14T17:44:25","slug":"zieh-deine-schlapfen-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/zieh-deine-schlapfen-an\/","title":{"rendered":"\u201eZieh deine Schlapfen an\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eZieh deine Schlapfen an\u201c<\/p>\n<p>Von Kurt Palm<\/p>\n<p>Vier Stunden, bevor meine Mutter starb, sagte sie zu mir: \u201eZieh deine Schlapfen an. Der Boden ist kalt.\u201c Das war um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch, als ich sie ins Bad begleitete, weil sie aufs Klo mu\u00dfte. W\u00e4hrend sie auf dem Klo sa\u00df, holte ich mir meine Hausschlapfen, was ich nicht getan h\u00e4tte, wenn sie gesund gewesen w\u00e4re. Aber jetzt war alles anders und ich wu\u00dfte, dass meine Mutter nicht mehr lange leben w\u00fcrde. Also tat ich ihr den Gefallen.<\/p>\n<p>Nachdem ich ihr wieder ins Bett geholfen hatte, fragte ich sie, ob ich sie mit Wick VapoRub einreiben solle. Ihre Antwort war kaum h\u00f6rbar: \u201eJa, schmier mich halt ein.\u201c Der Geruch der Salbe erinnerte mich an meine Kindheit, als meine Mutter mir den Brustkorb einrieb, wenn ich eine Erk\u00e4ltung hatte. Jetzt war es umgekehrt, nur mit dem Unterschied,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>dass meine Mutter keine Erk\u00e4ltung hatte, sondern todkrank war. Auch den Tee, den ich ihr brachte, konnte sie nur noch mit meiner Hilfe trinken. Und als w\u00fcrden sich tats\u00e4chlich alle Verh\u00e4ltnisse umkehren, sagte ich zu ihr, w\u00e4hrend ich sie zudeckte: \u201eMama, heute ist Sonntag, heute k\u00f6nnen wir l\u00e4nger schlafen.\u201c Fr\u00fcher sagte das meine Mutter sonntags immer zu mir und meinen beiden Geschwistern.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bevor ich mich auf die K\u00fcchen-Couch in mein provisorisches Bett legte, setzte ich mich an den Tisch und studierte noch einmal die Liste mit den Medikamenten, die ich meiner Mutter geben sollte. Es waren neun verschiedene Medikamente, die \u2013 glaubte man den Beipacktexten \u2013 durchaus in der Lage gewesen w\u00e4ren, einen gesunden Menschen zu t\u00f6ten. Dass diese Tabletten einem schwer kranken Menschen helfen konnten, bezweifelte ich stark, aber meine Schwester versicherte mir, dass sie alles mit den behandelnden \u00c4rzten abgesprochen h\u00e4tte. Nachdem meine Schwester v\u00f6llig ersch\u00f6pft nach Hause gefahren war, war also ich jetzt mit der Pflege meiner Mutter an der Reihe. Nach mir sollte mein Bruder kommen, dann wieder meine Schwester usw.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Meine Mutter war in der Zwischenzeit eingeschlafen und zitterte am ganzen K\u00f6rper. Ich ging zu ihr und hielt ihre Hand. Sie \u00f6ffnete kurz die Augen und fragte: \u201eHast du einen guten Besen?\u201c Ich<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>bejahte ihre Frage und sagte, dass ich sogar einen Bartwisch habe. \u201eAch so\u201c, sagte sie, und schlief wieder ein. Dann murmelte sie: \u201eHerbst ist.\u201c<\/p>\n<p>Meine Mutter hatte recht, es war Herbst. Genau genommen war es der 4. Oktober 2003, ein scheu\u00dflicher Tag, an dem der Wind den Regen gegen die Fenster peitschte und die grauen Wolken tief hingen.<\/p>\n<p>Ich legte mich kurz hin, konnte aber nicht schlafen und setzte mich wieder ans Bett meiner Mutter. Ich streichelte ihre Wangen, worauf sie mich ansah und sagte: \u201eDober dan\u201c. Ich antwortete: \u201eKako ti ide? Zelite li jedno pivo? Ja cu vam dovesti.\u201c Sie l\u00e4chelte. \u201eWie geht es Ihnen? Wollen Sie ein Bier? Ich hole Ihnen eines.\u201c Das war der Spruch, den uns unsere Eltern gelernt hatten, als Mitte der sechziger Jahre jugoslawische Gastarbeiter in Timelkam K\u00fcnetten f\u00fcr die Kanalisation gruben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Um sieben Uhr bekam meine Mutter einen Hustenanfall und mu\u00dfte sich aufsetzen. Ich gab ihr ein Hustenzuckerl und etwas Tee. Sie legte sich wieder hin und schlief sofort ein. W\u00e4hrend sie phantasierte, bereitete ich alles f\u00fcr die morgendliche Medikamenteneinnahme vor. Um acht Uhr wurde meine Mutter wach und bat mich, die Vorh\u00e4nge zur\u00fcckzuziehen. Drau\u00dfen regnete es immer noch und eine Wetterbesserung war nicht in Sicht. Ich fragte meine Mutter, ob sie mit mir beten wolle. Sie sagte, vielleicht sp\u00e4ter. Am Vorabend hatten wir gemeinsam ein \u201eVater unser\u201c und ein \u201eGegr\u00fc\u00dfet seist Du, Maria\u201c gebetet. Meine Mutter hat mit geschlossenen Augen gebetet und meine Hand gehalten. Ich hatte zuvor das Licht ausgemacht und die Fatima-Kerze angez\u00fcndet, die neben ihrem Bett auf dem Tischchen stand. Nach dem Gebet sah sie mich an und sagte: \u201eSo ein braver Bua.\u201c Ich nickte l\u00e4chelnd, ging in die K\u00fcche und trank ein Bier. Dann ging ich ins Wohnzimmer und sah mir im Fernsehen eine Talkshow an. Das war am Vorabend gewesen.<\/p>\n<p>Jetzt war es acht Uhr in der Fr\u00fch und meine Mutter sollte noch siebzig Minuten leben. Das Telefon l\u00e4utete. Es war meine Schwester, die sich nach Mutters Gesundheitszustand erkundigte und zu Mittag mit Champignon-Sauce und Semmelkn\u00f6deln vorbeikommen wollte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Kurz vor neun wachte meine Mutter auf und st\u00f6hnte. Ich ging zu ihr und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie sagte: \u201eIch setze mich ein bisschen auf.\u201c Ich half ihr und gab ihr eUin Papiertaschentuch, um das sie mich gebeten hatte. Sie fragte, wo die Christa sei. Ich antwortete, dass sie angerufen habe und zu Mittag mit Champignon-Sauce und Kn\u00f6deln vorbeikommen werde. Dann fragte sie, was das f\u00fcr Salben auf dem Tisch seien. Ich erkl\u00e4rte ihr, was es mit den Salben auf sich habe. Sie deutete auf die Hirschtalg-Tube und fragte: \u201eIst die auch zum Schneuzen?\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gerade als ich antworten wollte, griff sie sich ans Herz und sagte: \u201eEs tut so weh. Hol den Doktor.\u201c Ich nahm sie in die Arme und legte sie vorsichtig aufs Bett. Im Hinlegen sah sie mich noch einmal an, dann starrte sie an die Decke und begann zu r\u00f6cheln. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass meine Mutter im Sterben lag. Zuerst r\u00f6chelte sie in kurzen Abst\u00e4nden, dann wurden die Abst\u00e4nde immer l\u00e4nger, dann war nichts mehr. Wie lange der \u00dcbergang vom Leben zum Tod gedauert hat, wei\u00df ich nicht, ich wei\u00df nur, dass ich versucht habe, m\u00f6glichst ruhig zu bleiben und meiner Mutter das Gef\u00fchl zu geben, dass sie nicht alleine war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Da ich noch nie einen Menschen sterben sah, wu\u00dfte ich nicht, woran man erkannte, dass jemand tats\u00e4chlich tot war. Ich hielt den Atem an und wartete auf ein Zeichen. Es kam aber kein Zeichen. Das einzige, was ich h\u00f6rte, war der Regen, der monoton gegen die Fensterscheiben trommelte. Wenn im Film ein Mensch stirbt, gibt es die entsprechende Musik dazu. Warum eigentlich? Um vom Faktum des Todes abzulenken? Oder um das \u2013 ohnehin fiktive \u2013 Sterben ertr\u00e4glicher zu machen? Im wirklichen Leben stirbt der Mensch meist ohne Musikbegleitung. Im Augenblick des Todes meiner Mutter war die Ger\u00e4uschkulisse jedenfalls banal. Neben dem Regen h\u00f6rte ich blo\u00df das Ticken der Uhr und das Brummen des K\u00fchlschranks. Was meine Mutter h\u00f6rte, wei\u00df ich nicht. Aber was hei\u00dft eigentlich: \u201eAugenblick des Todes?\u201c Der Arzt, der zu Mittag kam, um den Totenschein auszustellen, meinte, dass meine Mutter binnen weniger Sekunden an einem \u201epl\u00f6tzlichen Herztod\u201c gestorben sei. Ich hatte allerdings das Gef\u00fchl, dass der Todeskampf wesentlich l\u00e4nger gedauert hat. Vielleicht sogar einige \u2013 endlos lange \u2013 Minuten.<\/p>\n<p>Obwohl ich mir nicht ganz sicher war, dass meine Mutter tot war, z\u00fcndete ich eine Kerze an und sagte ihr, dass ich kurz telefonieren m\u00fcsse. Ich ging ins Vorzimmer und rief meine Schwester in V\u00f6cklabruck und meinen Bruder in Z\u00fcrich an. Mein Bruder sagte, dass er sich sofort in den Zug setzen und am sp\u00e4ten Nachmittag in Timelkam ankommen werde. Seine Frau und die beiden Kinder w\u00fcrden in der Kirche in Einsiedeln f\u00fcr unsere Mutter beten. Wieder im Zimmer, k\u00fc\u00dfte ich meine Mutter auf beide Wangen, dankte ihr f\u00fcr alles und versuchte, ihre Augen zu schli e\u00dfen, was mir aber nicht gelang. Trotz des heftigen Regens, \u00f6ffnete ich das Fenster, um der Seele meiner Mutter die M\u00f6glichkeit zu geben, nicht nur ihren K\u00f6rper, sondern auch das Haus, in dem sie fast f\u00fcnfzig Jahre lang gewohnt hatte, zu verlassen. Die Theorie, wonach ein Mensch, sobald er stirbt, um 21 Gramm leichter wird, leuchtete mir in diesem Augenblick jedenfalls ein. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bis Mittag kamen einige Nachbarn und Verwandte, um Abschied von \u201eder Anna\u201c bzw. von \u201eFrau Palm\u201c zu nehmen. Meine Schwester suchte das Gewand aus, mit dem unsere Mutter begraben werden sollte. Am fr\u00fchen Nachmittag holten zwei Mitarbeiter der Bestattung den Leichnam ab, der am n\u00e4chsten Tag in der Friedhofskapelle in Oberthalheim aufgebahrt wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die vielen Formalit\u00e4ten, die nach einem Todesfall zu erledigen sind, haben\u00e7 den Vorteil, dass man nicht viel zum Nachdenken kommt. Alleine die Vorbereitungen eines Begr\u00e4bnisses nehmen mindestens zwei Tage in Anspruch, nicht zu reden von den b\u00fcrokratischen H\u00fcrden, die bei Bankinstituten, Versicherungen, Beh\u00f6rden und Vereinen genommen werden m\u00fcssen, um einen Toten ordnungsgem\u00e4\u00df \u201eabzumelden\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am Abend des Sonntags, an dem meine Mutter starb, fuhr ich zu meiner Schwester nach V\u00f6cklabruck, um \u2013 gemeinsam mit meinem Bruder \u2013 die Champignon-Sauce und die Semmelkn\u00f6del zu essen, die eigentlich f\u00fcr mich und meine Mutter bestimmt waren. Ich trank dazu zwei Bier und fuhr wieder nach Hause. Es war seit ewigen Zeiten das erste Mal, dass ich im Haus meiner Eltern alleine war. Ich ging in den Keller, setzte mich auf einen Campingstuhl neben die Tiefk\u00fchltruhe und \u00f6ffnete eine Flasche Schnaps. Die Flasche stammte noch von meinem Vater, der sich im Keller einen kleinen Vorrat an Schnapsflaschen angelegt hatte. Ich trank aus der Flasche auf das Wohl meiner Mutter und meines Vaters, die jetzt beide tot waren.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend ging ich in das Zimmer, in dem meine Mutter gestorben war, z\u00fcndete eine Kerze an und stellte sie auf das Fensterbrett. Im Wohnzimmer schaltete ich den Fernsehapparat ein und sah beim Zappen mehrere Menschen sterben. Kurz vor Mitternacht blies ich die Kerze im Sterbezimmer aus und legte mich in meinem fr\u00fcheren Zimmer im ersten Stock schlafen. Ich lie\u00df s\u00e4mtliche T\u00fcren des Hauses offen. In der Nacht tr\u00e4umte ich von Geistern, die durch unser Stiegenhaus schwebten. Es waren freundliche Geister.<\/p>\n<p>\u201eDer Standard\u201c, Album, 31. Mai 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eZieh deine Schlapfen an\u201c Von Kurt Palm Vier Stunden, bevor meine Mutter starb, sagte sie zu mir: \u201eZieh deine Schlapfen an. Der Boden ist kalt.\u201c Das war um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch, als ich sie ins Bad begleitete, weil sie aufs Klo mu\u00dfte. W\u00e4hrend sie auf dem Klo sa\u00df, holte ich mir meine Hausschlapfen, was ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1388","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1388"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1388"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1390,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1388\/revisions\/1390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}