{"id":1391,"date":"2020-01-14T18:45:53","date_gmt":"2020-01-14T17:45:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1391"},"modified":"2024-12-13T15:17:16","modified_gmt":"2024-12-13T14:17:16","slug":"frucade-und-eierlikoer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/frucade-und-eierlikoer\/","title":{"rendered":"Frucade und Eierlik\u00f6r"},"content":{"rendered":"<p><b><i>Frucade und Eierlik\u00f6r<\/i><\/b><\/p>\n<p><i>Vor zwanzig Jahren, am 12. November 1994, ging im Speisesaal des Globus-Verlags die erste Folge von \u201ePhettbergs Netter Leit Show\u201c \u00fcber die B\u00fchne. Erinnerungen an eine Zeit, in der das Fernsehen noch nicht ganz so reaktion\u00e4r war wie heute.<\/i><\/p>\n<p>Es war am 4. Oktober 1994 um 17 Uhr 04, als ich Hermes Phettberg per Telefax das Konzept f\u00fcr ein neues Theaterformat \u00fcbermittelte. Telefax? Ja, so etwas gab es damals noch, und der legend\u00e4re Ingenieur Hugo Kirnbauer erkl\u00e4rte in einer \u201eNetten Leit Show\u201c sogar einmal, wie diese \u201erevolution\u00e4re Erfindung\u201c funktionierte: \u201eJeder Buchstabe ist ein Byte. Und jedes Byte besteht aus acht Bits.\u201c Verstanden habe ich es nicht, aber ich habe auch nicht verstanden, woran der Lebensmittelkontrolleur Professor Psota erkennen konnte, ob in einem Chinarestaurant die knusprige Ente verdorben war oder nicht. Ich glaube, es hatte irgendetwas mit Geschmacksverst\u00e4rkern und omin\u00f6sen \u201ewei\u00dfen Flankerln\u201c zu tun.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bevor ich aber abschweife, kommen wir wieder zur\u00fcck zum 4. Oktober 1994. Unserer Theatergruppe \u201eSparverein Die Unzertrennlichen\u201c war gerade ein St\u00fcck ausgefallen und wir mussten schnellstm\u00f6glich eine Ersatzproduktion auf die F\u00fc\u00dfe stellen. Da ich aufgrund unserer langj\u00e4hrigen Zusammenarbeit Phettbergs schauspielerisches Talent kannte, schlug ich ihm vor, an sechs Samstagen eine Live-Talkshow als B\u00fchnenst\u00fcck zu machen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hne die langj\u00e4hrige Zusammenarbeit mit Hermes auch deshalb, weil nach dem Erfolg der \u201eNetten Leit Show\u201c immer wieder so getan wurde, als h\u00e4tte ich die Kunstfigur Hermes Phettberg erfunden. Das ist Unsinn, weil Hermes bereits von 1991 bis 1994 unter meiner Regie bei f\u00fcnf Produktionen des \u201eSparvereins\u201c als Schauspieler mitgewirkt hat. Dabei brillierte er in St\u00fccken von Flann O\u2018Brien oder Gustave Flaubert ebenso wie im Western \u201eBringt mir die H\u00f6rner von Wilmingtons Kuh\u201c oder im Krimi \u201eBei Anruf &#8211; Mord\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass \u201ePhettbergs Nette Leit Show\u201c so erfolgreich war, hing sicherlich auch damit zusammen, dass sie von Anfang an als Theaterst\u00fcck konzipiert war. Nat\u00fcrlich konnte Phettberg improvisieren, allerdings nur innerhalb eines festgelegten dramaturgischen Rahmens. Ohne einen solchen Rahmen h\u00e4tte diese Produktion nicht funktioniert, wenngleich auch der Zufall \u2013 wie immer im Leben \u2013 eine gro\u00dfe Rolle spielte. Dazu zwei Beispiele:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer Zugfahrt mit Hermes fiel mir auf, dass er st\u00e4ndig eine braune, extrem h\u00e4ssliche Aktenmappe aus Kunstleder unter den Arm geklemmt hatte. Ich sprach ihn darauf an und wir beschlossen, die Mappe in der Show als Requisit zu verwenden. Und zwar als Aufbewahrungsort f\u00fcr den Flaschen\u00f6ffner, mit dem er die Frucadeflaschen \u00f6ffnete. Die Krux an der Sache war allerdings, dass sich dieser \u00d6ffner in einem zugeklebten Kuvert befand, der w\u00e4hrend der Show umst\u00e4ndlich aus der Tasche herausgeholt werden musste, um dann ebenso umst\u00e4ndlich darin wieder verstaut zu werden. Tja, so etwas passiert, wenn man nur einen Flaschen\u00f6ffner besitzt, den man keinesfalls verlieren darf, weil man ja sonst die Frucadeflaschen nicht \u00f6ffnen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Wer jetzt meint, wir h\u00e4tten ja einen zweiten Flaschen\u00f6ffner kaufen k\u00f6nnen, versteht das Wesen des neurotischen Rituals nicht.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir die zehn Dosen, auf die am Ende der Show mit einem ausgestopften Socken geschossen wurde. Daf\u00fcr wurden ausschlie\u00dflich leere Dosen aus dem reichen Bestand von Hermes Phettberg verwendet, die farblich aufeinander abgestimmt waren. Der \u2013 gewaschene \u2013 Socken stammte von mir, wobei es einmal beinahe zu einer Katastrophe gekommen w\u00e4re: Als Hermann Nitsch am 1. Juli 1995 beim Dosenschie\u00dfen n\u00e4mlich den Ball sehr weit danebenwarf, und dieser (der Ball, nicht Hermann Nitsch) durch das offene Fenster im zweiten Stock des Veranstaltungssaales ins Freie hinaus auf die Meldemannstra\u00dfe fiel, mussten sofort mehrere Personen ausstr\u00f6men, um den Ball zu suchen. Gl\u00fccklicherweise wurde er auf einem Kanalgitter liegend gefunden, und die Show konnte ungehindert fortgesetzt werden. W\u00e4re der ausgestopfte Socken in der Wiener Kanalisation verschwunden, h\u00e4tte das f\u00fcr das Fernsehen ungeahnte Folgen haben k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Daran sieht man, dass \u201ePhettbergs Nette Leit Show\u201c das Produkt eines pedantischen Chaoten (Phettberg) und eines chaotischen Pedanten (Palm) war, wobei die entscheidende Kategorie die Pedanterie war, weil sich das Chaos ohnehin von selbst einstellte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wie es sich f\u00fcr ein ordentliches Theaterst\u00fcck geh\u00f6rte, gab es nat\u00fcrlich auch ein B\u00fchnenbild, es gab f\u00fcr Phettberg, den Assistenten Robin und die \u201eBr\u00fcder Poulard\u201c Kost\u00fcme, und es gab eine B\u00fchnenmusik, die live von Chrono Popp beigesteuert wurde. Dazu kamen als weitere Fixpunkte das \u201eVideo der Woche\u201c (z. B. \u201eZu Besuch bei Elfriede Jelinek\u201c oder \u201eZu Besuch beim \u00f6sterreichischen Stenografenverband\u201c), die ber\u00fchmt gewordene Eingangsfrage \u201eFrucade oder Eierlik\u00f6r?\u201c, das Dosenschie\u00dfen und nicht zuletzt das Polaroidfoto, das Robin von jedem Gast mit Phettberg machte. Selfies? Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Als mich bei unserer ersten Besprechung im \u201eCaf\u00e9 Jelinek\u201c Hermes fragte, wie die Produktion hei\u00dfen solle, schob ich ihm einen Zettel \u00fcber den Tisch: \u201ePhettbergs Late Night Show\u201c stand da drauf. Er \u00fcbersetzte diesen auf dem Kopf stehenden Titel mit: \u201ePhettbergs Nette Leit Show\u201c. Ping \u2013 Pong. So funktionierte das zwischen uns und wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb Hermes sp\u00e4ter einmal meinte, wir beide w\u00e4ren wie Dick und Doof oder wie Karl Farkas und Ernst Waldbrunn oder wie Kochtopf und Deckel. Das war auf der einen Seite ganz lustig, auf der anderen Seite aber auch ziemlich anstrengend. Vor allem, wenn der Kochtopf st\u00e4ndig am \u00dcberkochen war.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als Auff\u00fchrungsort f\u00fcr unser St\u00fcck w\u00e4hlten wir den von Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky erbauten Globus-Verlag der KP\u00d6, weshalb wir als ersten Gast auch gleich Franz Muhri, den ehemaligen Vorsitzenden der KP\u00d6, einluden. Bei einer der ersten Shows schaute einmal auch die damals 97-j\u00e4hrige Architektin und Widerstandsk\u00e4mpferin Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky vorbei, die vom Publikum entsprechend gefeiert wurde.<\/p>\n<p>Mit 200 Besucherinnen und Besuchern war die erste \u201eNette Leit Show\u201c ziemlich gut besucht, vor allem wenn man bedenkt, dass die Veranstaltung erst um 22 Uhr begann und der Globus-Verlag am H\u00f6chst\u00e4dtplatz im 20. Bezirk gar nicht so leicht zu erreichen war. Eine Woche sp\u00e4ter kamen bereits 400 Leute, in der Woche darauf waren es 600, und bei der letzten Show der ersten Staffel am 17. Dezember 1994 st\u00fcrmten 1.100 Leute den ehemaligen Speisesaal der KP\u00d6-Zentrale. Und das ganz ohne Facebook! G\u00e4ste waren damals Franz Morak, Valie Export und Josef Hader. Und wie immer gab es Wurstsemmeln (mit Gurkerln), Flaschenbier und T-Shirts mit Phettbergs Konterfei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als der ORF dann trotz zweimaliger Ablehnungen doch noch Interesse an \u201ePhettbergs Netter Leit Show\u201c zeigte, entschlossen wir uns, zwischen Juni 1995 und April 1996<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>drei weitere Staffeln zu produzieren. Ausgestrahlt wurden die auf 50 Minuten gek\u00fcrzten Shows, die live knapp zwei Stunden dauerten, dienstags um 23 Uhr im Rahmen der \u201eKunstst\u00fccke\u201c auf ORF 2 und bescherten dem Sender mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 33 % sensationelle Quoten. Im ORF und auf 3sat haben \u201ePhettbergs Nette Leit Show\u201c insgesamt sechs Millionen Menschen gesehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber nicht nur die Zuschauerzahlen waren enorm, auch das Medienecho war gigantisch. In der japanischen Tageszeitung \u201eMainichi Shimbun\u201c erschien eine dreiteilige Serie \u00fcber Phettberg, und die spanische Zeitung \u201eEl Pais\u201c berichtete ebenso \u00fcber \u201edas Ph\u00e4nomen Phettberg\u201c wie \u201eDer Spiegel\u201c, \u201eDie Zeit\u201c, die \u201eFrankfurter Allgemeine Zeitung\u201c, der \u201eStern\u201c oder die \u201eNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u201c.<\/p>\n<p>Als Folge des Medienhypes wurden auch drei B\u00fccher \u00fcber den neuen Fernsehstar aus Gumpendorf herausgebracht. In seinem Buch \u201eHermes Phettberg. Die Kr\u00fccke als Zepter\u201c, schrieb der Journalist Klaus Kamolz: \u201ePhettberg ist wie ein Messias \u00fcber die trostlose \u00f6sterreichische Medienlandschaft gekommen. Da f\u00fchrte einer das Fernsehen vor und entbl\u00f6\u00dfte seine Peinlichkeit, indem er es bis zur Kenntlichkeit entstellte: Das Medium war nackt bis auf die Haut, seine Professionalit\u00e4t als l\u00e4cherliche Pose entlarvt. \u201c <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die \u201eNette Leit Show\u201c binnen k\u00fcrzester Zeit Kultstatus erlangte, waren vielf\u00e4ltig:<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auf der einen Seite wurde die Show sicherlich als Antithese zur Programmpolitik des ORF, deren Ziel ja die Verbl\u00f6dung des Publikums war, verstanden. Das hatte auch die \u201eKronen Zeitung\u201c begriffen, in der nach der Ausstrahlung der ersten Show zu lesen war: \u201eMit dieser inakzeptablen Sendung taucht der ORF gef\u00e4hrlich in die Niederungen des Unappetitlich-Grindigen ein. Einen witzlosen Fettberg, der sich bl\u00f6d stellt und kein Hehl aus seinen verschimmelten linken Vorlieben macht, braucht der ORF nicht.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Meine Rache folgte auf dem Fu\u00df, indem ich in der folgenden Show in meinem Brief, den Hermes immer am Ende vorlas, die \u201eKronen Zeitung\u201c als \u201eerzreaktion\u00e4res Revolverblatt\u201c bezeichnete. Einige ORF-Redakteure wollten, dass ich diese Passage herausschneide, was ich nat\u00fcrlich nicht tat. Daraufhin verlangte Hans Dichand in einem \u201eKrone\u201c-Leitartikel, dass mich der ORF gef\u00e4lligst rauswerfen solle. Unser Plan, eine wilde, anarchische, linke Show zu machen, die nichts mit dem ganzen Dreck zu tun hatte, der unter der Bezeichnung \u201eTalkshow\u201c im Fernsehen lief, war also aufgegangen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auf der anderen Seite lieferte Phettberg als 150 Kilo schwerer Schwuler mit Hang zum Sadomasochismus den schlagenden Beweis daf\u00fcr, dass es neben den Sch\u00f6nen, Starken und T\u00fcchtigen auch noch andere Menschen in unserer Gesellschaft gab, die etwas zu sagen hatten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Etwas poetischer formulierte es der \u201eSpiegel\u201c: \u201eWenn Phettberg redet, verschwimmt das scheinbar Absto\u00dfende, der unerbittlich verunstaltete K\u00f6rper und der schiefe Mund im verw\u00fcstete Gesicht, in der Aura eines sanften, poetisch verzweifelten Menschen.\u201c Na ja, der \u201eSpiegel\u201c war halt immer schon das Zentralorgan der Magertopfenfraktion.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Harald Schmidt, in dessen Show Hermes auf dem H\u00f6hepunkt seiner Popularit\u00e4t nat\u00fcrlich auch einmal zu Gast war, sah das Ganze naturgem\u00e4\u00df etwas n\u00fcchterner: \u201eIch finde Phettberg grandios. F\u00fcr mich ist er ein Gesamtkunstwerk.\u201c<\/p>\n<p>Als weiterer entscheidender Punkt kam hinzu, dass Phettberg seinen G\u00e4sten auf Augenh\u00f6he begegnete, und es in den Gespr\u00e4chen immer auch um Inhalte ging, egal, ob man sich \u00fcber Kartoffeln, Plastiksackerln oder das Universum unterhielt. Das war auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb sich so unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten wie Marcel Prawy, Peter Weibel, Gerti Senger, Stefanie Werger, Franz Antel, Manfred Deix oder Johanna Dohnal nur in den h\u00f6chsten T\u00f6nen \u00fcber Phettbergs Gespr\u00e4chsf\u00fchrung \u00e4u\u00dferten.<\/p>\n<p>Phettberg selbst sah die Sache so: \u201eEs ist eben ein Erzfehler der Anstalten, dass sie kein Vertrauen in den Menschen haben. Alles muss zu Tode vorbereitet werden, so wird das Fernsehen abkommen und in Vergessenheit geraten. Denn es langweilt uns junge Leute unendlich.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Medienhype um Phettberg fingen allerdings die Probleme erst so richtig an, weil Hermes das voyeuristische Interesse an seiner Person mit Zuneigung und Wertsch\u00e4tzung verwechselte. Es war ja tats\u00e4chlich wie im M\u00e4rchen, aber wie die meisten M\u00e4rchen, ging auch dieses nicht gut aus.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich habe Hermes einmal gefragt, ob er nicht s\u00e4he, dass die Medien ein doppeltes Spiel mit ihm trieben: \u201eZuerst katapultieren sie dich in die h\u00f6chsten H\u00f6hen, um dich dann umso tiefer fallenzulassen.\u201c Hermes\u2018 Antwort darauf: \u201eJeder Journalist, der zu mir lieb ist, kann alles von mir haben, unstrategisch.\u201c Damit war die Sache erledigt, und egal, was die seri\u00f6sen und weniger seri\u00f6sen K\u00e4sebl\u00e4tter auch schrieben: Hermes f\u00fchlte sich wie ein K\u00f6nig, und verhielt sich bald auch so.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gleichzeitig muss ich Hermes zugute halten, dass er absolut unbestechlich war, wenn es um Werbeangebote ging. Es ist ja immer das Gleiche: Kaum wird jemand zum \u201ePublikumsliebling\u201c, schon rei\u00dfen sich die Werbeagenturen um ihn &#8211; oder sie -, und ehe man sich\u2018s versieht, grinst man bl\u00f6d von den Plakatw\u00e4nden des Landes herunter. Als in der Zeitschrift \u201eNews\u201c ein Foto erschien, das den 150 Kilo schweren Phettberg im Ruderleiberl auf seinem Hometrainer zeigte, h\u00e4tte die Firma \u201eSports Experts\u201c 100.000 Schilling bezahlt, wenn sie mit dem Foto Werbung f\u00fcr ihre Produkte h\u00e4tte machen d\u00fcrfen. Hermes lehnte ab, weil er sich nicht verkaufen wollte. So geht es auch.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte allerdings nichts an der Tatsache, dass es zwischen Hermes und mir bald ordentlich krachte. Ich m\u00f6chte hier auf keine Details eingehen, aber nachdem ich aufgrund un\u00fcberbr\u00fcckbarer Differenzen als Produzent und Regisseur von \u201ePhettbergs Netter Leit Show\u201c ausgestiegen war, trennten sich unsere Wege. Der damalige ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler und sein Programmdirektor Wolfgang Lorenz wollten uns zwar noch umstimmen, aber f\u00fcr mich kam eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr in Frage. Zeiler und Lorenz haben Phettberg und mir f\u00fcrs Weitermachen \u00fcbrigens sehr viel Geld geboten, womit auch das M\u00e4rchen widerlegt w\u00e4re, dass der ORF die Show quasi \u201eabgedreht\u201c h\u00e4tte. Dem war definitiv nicht so, wobei es Zeiler nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich um die Quote ging. Als SP\u00d6-Parteikarrierist, der als Pressesprecher den Bundeskanzlern Sinowatz und Vranitzky gedient hatte, war er als ORF-Generalintendant in erster Linie Pragmatiker. Skurril mutet es dann aber doch wieder an, dass ausgerechnet der als \u201emutig\u201c titulierte Vorg\u00e4nger Zeilers, Gerd Bacher, am Beispiel der \u201eNetten Leit Show\u201c den \u201eSittenverfall\u201c im ORF beklagte.<\/p>\n<p>Als man bei RTL mitbekam, dass das Ende der \u201eNetten Leit Show\u201c im Raum stand, schickte der Sender einen Unterh\u00e4ndler nach Wien, um Hermes und mir 2,5 Millionen Schilling f\u00fcr zwanzig Shows in Berlin anzubieten. Da das die H\u00e4lfte von dem war, was wir \u2013 umgerechnet auf eine einzelne Show \u2013 vom ORF bekamen, verlangten wir acht Millionen, inklusive des Transports der Originalgl\u00fchbirnen vom Globussaal nach Berlin. Gescheitert ist der Deal schlie\u00dflich an den Gl\u00fchbirnen. Und an den Blechdosen sowie dem ausgestopften Socken, die wir bereits weggeworfen hatten. RTL appellierte zwar noch einmal an uns, vern\u00fcnftig zu sein und \u201edie Gunst der Stunde\u201c zu nutzen, wir aber blieben stur. Keine Gl\u00fchbirnen \u2013 keine Show. Kein Wunder, dass wir vom RTL-Chefverhandler am Ende als \u201eunprofessionelle Idioten\u201c beschimpft wurden, was wir durchaus als Kompliment auffassten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und heute? Heute sind Talkshows zu Durchlaufstationen f\u00fcr Halb- und Viertelpromis verkommen, die diese Sendungsmodule als Werbeplattformen f\u00fcr ihre veganen Hundekochb\u00fccher oder Di\u00e4tratgeber der Marke \u201eWie werde ich fett, ohne abzunehmen\u201c benutzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In einem unserer vielen Gespr\u00e4che hat Hermes einmal gesagt: \u201eEs ist im Leben immer das Gleiche: Du willst was werden und scheiterst und scheiterst und scheiterst.\u201c Auf meine Frage, ob hinter diesem Scheitern nicht eine Strategie stecke, antwortete er, dass ich nichts verstehen w\u00fcrde. Aber so ist das halt mit Dick und Doof: Am Ende hat einer die Torte im Gesicht und der andere lacht (oder weint).<\/p>\n<p>Oder, wie es der Katastrophenforscher Ingenieur Josef Pointner einmal in einer Show formulierte: \u201eIm allgemeinen ist man sicher. In Ausnahmef\u00e4llen passiert ein Unfall, und ganz selten eine Katastrophe.\u201c<\/p>\n<p><i>Kurt Palm lebt als Autor und Regisseur in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Roman \u201eBringt mir die Nudel von Gioachino Rossini\u201c im Residenz Verlag. Sein Spielfilm \u201eKafka, Kiffer und Chaoten\u201c hatte im Mai 2014 Premiere.<\/i><\/p>\n<p><i>Hinweis: S\u00e4mtliche im ORF ausgestrahlten Folgen von \u201ePhettbergs Netter Leit Show\u201c sind in einer DVD-Box, Laufzeit<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>20 Stunden, bei Hoanzl erschienen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><i>Der Standard, Album, 15. November 2014<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frucade und Eierlik\u00f6r Vor zwanzig Jahren, am 12. November 1994, ging im Speisesaal des Globus-Verlags die erste Folge von \u201ePhettbergs Netter Leit Show\u201c \u00fcber die B\u00fchne. Erinnerungen an eine Zeit, in der das Fernsehen noch nicht ganz so reaktion\u00e4r war wie heute. Es war am 4. 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