{"id":1400,"date":"2020-01-14T18:59:46","date_gmt":"2020-01-14T17:59:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1400"},"modified":"2020-01-14T18:59:51","modified_gmt":"2020-01-14T17:59:51","slug":"tote-teufel-beissen-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/tote-teufel-beissen-nicht\/","title":{"rendered":"Tote Teufel bei\u00dfen nicht"},"content":{"rendered":"<p>Tote Teufel bei\u00dfen nicht<\/p>\n<p>Auf Tasmanien gibt es nicht nur viel Wald, sondern auch jede Menge \u00fcberfahrene Tiere<\/p>\n<p>Von Kurt Palm<\/p>\n<p>Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich bin weder Metzger noch J\u00e4ger und t\u00f6te Tiere nur, wenn es unbedingt sein mu\u00df. Eine Fliege, zum Beispiel, kann mich stundenlang sekkieren, ehe ich zur Klatsche greife, um ihr damit den Garaus zu machen. Und einer fu\u00dfkranken Henne schlage ich erst dann mit einer Hacke den Kopf ab, wenn mich die alte Frau K\u00fcrzl in Oberranna inst\u00e4ndig darum bittet. Da\u00df ein solches Huhn dann nicht gegessen, sondern im Wald entsorgt wird, versteht sich von selbst. Der Fuchs soll ja auch etwas davon haben und Recycling wird in Oberranna seit jeher gro\u00df geschrieben. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wenn ich mich also in meinen Urlauben auf die Jagd nach toten Tieren begebe, dann hat das nichts mit einer absonderlichen Veranlagung zu tun, sondern damit, da\u00df ich auf diese Weise etwas \u00fcber die Fauna des jeweiligen Landes und \u00fcber das Verh\u00e4ltnis seiner Bewohner zu ihrer Tierwelt erfahren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ein kleines Beispiel: Wenn in S\u00fcdafrika ein Strau\u00df von einem LKW \u00fcberfahren wird \u2013 was h\u00e4ufiger vorkommt, als man glaubt \u2013, dauert es keine f\u00fcnf Minuten und schon tauchen die ersten Schwarzen auf, die das Tier von der Stra\u00dfe zerren. Der naheliegende Grund: Die schwarze Landbev\u00f6lkerung S\u00fcdafrikas ist arm und ein Strau\u00df wird als willkommene Erg\u00e4nzung zum Speiseplan immer gerne angenommen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wenn hingegen in Tasmanien ein Wallaby, das ist ein kleines K\u00e4nguruh, \u00fcberfahren wird, liegt es trotz sommerlicher Temperaturen von 30 \u00b0 solange auf der Stra\u00dfe, bis es entweder von anderen Tieren aufgefressen wird oder verwest ist. Obwohl Wallaby-Fleisch sehr bek\u00f6mmlich sein soll, w\u00fcrde ein Tasmanier nie auf die Idee kommen, ein solches Tier mit nach Hause zu nehmen, um es k\u00fcchenm\u00e4\u00dfig zu verarbeiten. Den Menschen in Tasmanien geht es \u2013 noch \u2013 so gut, da\u00df sie es nicht n\u00f6tig haben, sich von \u00fcberfahrenen Tieren zu ern\u00e4hren. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber dieser soziologische Aspekt steht nicht wirklich im Mittelpunkt meines Interesses an \u00fcberfahrenen Tieren in fernen L\u00e4ndern. Mich fasziniert dabei vielmehr die M\u00f6glichkeit, Tiere in ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung aus n\u00e4chster N\u00e4he betrachten zu k\u00f6nnen. Wann hat man schon die M\u00f6glichkeit, einem K\u00e4nguruh oder Wombat ins \u2013 zugegebenerma\u00dfen tote \u2013 Auge zu blicken? Au\u00dferdem ergeben sich bei l\u00e4ngerfristigen Beobachtungen gewisse Zusammenh\u00e4nge, die R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Verhalten bestimmter Tierarten zulassen. Angewandte Naturkunde sozusagen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Urlaubs in Tasmanien ist mir zum Beispiel aufgefallen, da\u00df Possums in den N\u00e4chten vor Vollmond regelrecht \u201edurchdrehen\u201c und massenhaft auf den Stra\u00dfen herumrennen, wo sie dann nat\u00fcrlich \u00fcberfahren werden. Auf der 38 Kilometer langen Strecke zwischen Huonville und Hobart habe ich einmal 63 tote Possums und 17 \u00fcberfahrene Wallabies gez\u00e4hlt! Nicht gez\u00e4hlt habe ich die zahlreichen toten V\u00f6gel, die allerdings meist als \u201einnocent bystanders\u201c ihr Leben lassen m\u00fcssen, weil sie nicht mehr rechtzeitig vor den herannahenden Fahrzeugen fl\u00fcchten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie von den Kadavern fressen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Interessanter als viel befahrene Stra\u00dfen sind f\u00fcr den J\u00e4ger toter Tiere nat\u00fcrlich abgelegene Landstra\u00dfen in Waldgebieten, wo sich Wombat und Possum \u201eGood Night\u201c sagen und man daher auch die eine oder andere exotische Spezies zu sehen bekommt. Tasmanien ist in dieser Hinsicht eine \u201eTrauminsel\u201c, weil ein gro\u00dfer Teil des Landes aus W\u00e4ldern besteht, die teilweise noch nicht einmal erforscht sind. Kein Wunder also, da\u00df in den riesigen Nationalparks immer wieder Wanderer verloren gehen und nie wieder auftauchen. Da\u00df der Tasmanische Tiger hier seine Krallen im Spiel hat, ist allerdings unwahrscheinlich, gilt er doch seit 1936 als ausgestorben. Ganz sicher sind sich die Experten freilich nicht, denn \u00e4hnlich wie beim Yeti tauchen immer wieder Augenzeugen auf, die beschw\u00f6ren, dem Tasmanischen Tiger begegnet zu sein. Nicht zu verwechseln ist dieses fleischfressende Beuteltier von der Gr\u00f6\u00dfe eines Hundes mit dem wesentlich kleineren Tasmanischen Teufel, der seinen Namen der Tatsache verdankt, da\u00df er einen \u201eh\u00f6llischen\u201c L\u00e4rm macht, wenn er sich bedroht f\u00fchlt. Da der Tasmanische Teufel aber ein nachtaktives Tier ist, wird man ihm nur in Ausnahmef\u00e4llen in freier Wildbahn begegnen. Au\u00dfer, er \u00fcberquert gerade eine Stra\u00dfe und wird dabei \u00fcber den Haufen gefahren.<\/p>\n<p>Ganz anders verh\u00e4lt es sich mit den Possums, jenen niedlichen einstigen Pelzlieferanten, deren massenhaftes Auftreten in Tasmanien auch damit zusammenh\u00e4ngt, da\u00df in Europa ihr Pelz seit geraumer Zeit nicht mehr gefragt ist. Nicht weiter verwunderlich also, da\u00df die Possums, die sich noch dazu gerne in der N\u00e4he menschlicher Siedlungen aufhalten, zu den am h\u00e4ufigsten \u00fcberfahrenen Tieren auf Tasmaniens Stra\u00dfen geh\u00f6ren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So gesehen erz\u00e4hlen tote Tiere auch etwas \u00fcber Ver\u00e4nderungen in den komplexen Beziehungen zwischen Natur und Zivilisation. \u00dcberfahrene K\u00e4nguruhs, Possums oder<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Echsen sind ja auch ein Zeichen daf\u00fcr, da\u00df der Mensch immer weiter in jene R\u00e4ume vordringt, die bisher diesen Tieren vorbehalten waren. In Tasmanien kommt beispielsweise der holzverarbeitenden Industrie eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu, was die Rodung riesiger Waldgebiete zur Folge hat. Dadurch werden viele Tiere gezwungen, sich neue Lebensr\u00e4ume zu suchen, wodurch sie wiederum mit den Menschen in Konflikt geraten. Da\u00df an einer solchen Schnittstelle zwischen Natur und Zvilisation die Tiere im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke bleiben, liegt auf der Hand. Angesichts der Sch\u00e4den, die K\u00e4nguruhs, Possums, Wombats und diverse Vogelarten \u2013 angeblich \u2013 anrichten, wird \u00fcbrigens bereits dar\u00fcber diskutiert, einige Tierarten zum Abschu\u00df freizugeben. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber selbstverst\u00e4ndlich hat die 67.800 km2 gro\u00dfe Insel Tasmanien mehr zu bieten als \u00fcberfahrene Tiere. Da w\u00e4ren zum Beispiel die siebzehn Nationalparks, in denen es Wanderrouten mit einer Gesamtl\u00e4nge von mehr als 2.000 Kilometern gibt. Der Gro\u00dfteil dieser Wege f\u00fchrt allerdings durch Gegenden, wo einem oft tagelang kein Mensch begegnet. Das hei\u00dft, da\u00df solche Wanderungen penibelst vorbereitet werden m\u00fcssen, denn wer sich in einem der Nationalparks einmal verlaufen hat, wird nur mit gro\u00dfem Gl\u00fcck wieder in die Zivilisation zur\u00fcckfinden. Zweimal falsch abgebogen und schon hat man das Gef\u00fchl, sich in einer Kulisse f\u00fcr einen Horrorfilm wie \u201eBlair Witch Project\u201c zu befinden. Da n\u00fctzt es einem dann auch nichts, da\u00df man bei einer allf\u00e4lligen Begegnung mit einer Schlange nicht lange \u00fcberlegen mu\u00df, ob es sich dabei um ein giftiges oder nicht giftiges Exemplar handelt, da s\u00e4mtliche auf Tasmanien vorkommenden Schlangenarten t\u00f6dlich giftig sind.<\/p>\n<p>Bei aller Begeisterung f\u00fcr die tasmanische Landschaft sollte man aber nicht vergessen, da\u00df man sich hier auf blutgetr\u00e4nkter Erde bewegt. W\u00e4hrend die Entdeckung der Insel durch den niederl\u00e4ndischen Seefahrer Abel Janszoon Tasman im Jahre 1642 n\u00e4mlich noch weitgehend ohne Folgen f\u00fcr die Ureinwohner blieb, bedeutete die Ankunft der Engl\u00e4nder das Ende der Aborigines. Nachdem die Briten Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatten, Tasmanien zu einer Str\u00e4flingskolonie auszubauen, starteten sie einen grausamen Vernichtungsfeldzug gegen die Aborigines, die innerhalb weniger Jahrzehnte vollst\u00e4ndig ausgerottet wurden. V\u00f6lkermord w\u00fcrde man heute dazu sagen. Als 1876 mit Truganini die letzte Ureinwohnerin Tasmaniens starb, betrug die Zahl der aus Europa Eingewanderten bzw. aus England Deportierten bereits 110.000, von denen 70.000 Str\u00e4flinge waren. Verst\u00e4ndlich also, da\u00df die Tasmanier ungern daran erinnert werden, da\u00df die Vorfahren der meisten der 450.000 Einwohner der Insel entweder Str\u00e4flinge oder Soldaten waren. Schlie\u00dflich hat niemand gerne einen M\u00f6rder, Bankr\u00e4uber oder Schweinedieb in seinem Stammbaum.<\/p>\n<p><i>Die Presse, 2. November 2006<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tote Teufel bei\u00dfen nicht Auf Tasmanien gibt es nicht nur viel Wald, sondern auch jede Menge \u00fcberfahrene Tiere Von Kurt Palm Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich bin weder Metzger noch J\u00e4ger und t\u00f6te Tiere nur, wenn es unbedingt sein mu\u00df. 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