{"id":1452,"date":"2020-05-04T22:20:31","date_gmt":"2020-05-04T20:20:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1452"},"modified":"2020-05-04T22:20:31","modified_gmt":"2020-05-04T20:20:31","slug":"ein-pass-fuer-einen-totentanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/ein-pass-fuer-einen-totentanz\/","title":{"rendered":"Ein Pass f\u00fcr einen Totentanz"},"content":{"rendered":"<p>Schreckensmeldung stand zuerst in den \u201eSalzburger Nachrichten\u201c: \u201eKulturbolschewistische Atombombe auf \u00d6sterreich abgeworfen\u201c. Das rechtsgerichtete Kampfblatt \u201eDie Neue Front\u201c stellte die kryptische Frage: \u201eWer schmuggelte das Kommunistenpferd in das deutsche Rom?\u201c In anderen Bl\u00e4ttern war noch die Rede vom \u201ePoeten des Teufels\u201c, von einer \u201eliterarischen Ausgeburt\u201c und vom \u201egr\u00f6\u00dften Kulturskandal der Zweiten Republik\u201c.<\/p>\n<p>Den Anlass f\u00fcr diese Pamphlete, die Ende 1951 in \u00f6sterreichischen Zeitungen erschienen, bildete ein Dokument, das bereits am 12. April 1950 von der Salzburger Landesregierung ausgestellt worden war, n\u00e4mlich die \u201eUrkunde \u00fcber die Verleihung der \u00f6sterreichischen Staatsb\u00fcrgerschaft an Herrn Berthold Brecht, Beruf: Schriftsteller, geboren am 10. Februar 1898 in Augsburg\u201c. Monatelang stand die durch diese Urkunde ausgel\u00f6ste \u201eAff\u00e4re Brecht\u201c im Mittelpunkt des medialen Interesses und besch\u00e4ftigte in weiterer Folge nicht nur den Salzburger Landtag, sondern auch den Nationalrat und den Ministerrat.<\/p>\n<p>Im Zuge dieser Auseinandersetzungen verwandelten sich die Federn zahlreicher Journalisten in Schwerter, um den Kampf gegen das B\u00f6se schlechthin wirkungsvoller f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Dieses B\u00f6se, das nicht mehr nur wie ein Gespenst in Europa umging, war der Kommunismus, der in der Person des Schriftstellers Bertolt Brecht \u00d6sterreich unterwandern und reif f\u00fcr den Untergang machen sollte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Der Chefredakteur der \u201eNeuen Front\u201c, Viktor Reimann, machte am 13. Oktober 1951 klar, worum es in Wirklichkeit ging: \u201eDie Einb\u00fcrgerung Bert Brechts zeigt, wie durch den \u00dcbereifer einzelner intellektueller Sozialisten und durch die Unwissenheit und Schw\u00e4che der kulturellen Machthaber der Volkspartei unser Land kommunistisch unterminiert wird und die Amerikaner die geistige Bolschewisierung \u00d6sterreichs noch finanzieren.\u201c<\/p>\n<p>Wenn man angesichts solcher Gedankeng\u00e4nge heute ungl\u00e4ubig den Kopf sch\u00fcttelt, sollte man nicht vergessen, dass zu Beginn der f\u00fcnfziger Jahre der Kalte Krieg l\u00e4ngst in vollem Gange war, was nat\u00fcrlich auch Auswirkungen auf das kulturelle Leben hatte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So ging es im Falle Brechts ja nicht nur um die Denunzierung eines Schriftstellers, sondern auch um die Abrechnung mit einer Kunstauffassung, die im stramm antikommunistischen \u00d6sterreich keinen Platz hatte. Und Brecht geh\u00f6rte bekanntlich zu denen, die \u2013 wie es Thomas Mann bereits 1944 formulierte \u2013 im \u201eAntikommunismus die Grundtorheit unserer Epoche\u201c sahen.<\/p>\n<p>Die Gedankeng\u00e4nge derer, die damals im \u00f6sterreichischen Kulturbetrieb das Sagen hatten, sind heute in vielen F\u00e4llen schwer nachvollziehbar. So schrieb der Schriftsteller Friedrich Torberg, einer der gr\u00f6\u00dften Brecht-Hasser seiner Zeit, \u201edass selbst <i>H\u00e4nschen klein<\/i> kommunistische Propaganda w\u00e4re, wenn Brecht als Verfasser zeichnete.\u201c<\/p>\n<p>Diese \u00c4u\u00dferungen wurde 1961 zu einem Zeitpunkt gemacht, als es in \u00d6sterreich bereits einen seit acht Jahre fast l\u00fcckenlos durchgehaltenen Brecht-Boykott gab. Nat\u00fcrlich ging es Torberg nicht alleine um die Diffamierung Brechts, sondern auch um die Diskreditierung all jener K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die im Verdacht standen, zu liberal zu sein oder zu weit links zu stehen. Erw\u00e4hnt seien hier stellvertretend Torbergs Hetze gegen die \u201eDrecksau\u201c und \u201eFilzlaus\u201c Hilde Spiel, und seine Angriffe auf Thomas Mann, Berthold Viertel oder Gottfried von Einem, die er<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>als \u201eDiktaturcollaborateure\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Torbergs Kampagnen endeten nicht selten in dem Versuch, den jeweiligen Gegnern ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Als beispielsweise bekannt wurde, dass der Schauspieler Karl Paryla bei den Salzburger Festspielen im Sommer 1952 im \u201eJedermann\u201c den Teufel spielen sollte, setzte Torberg alles daran, dieses Engagement zu hintertreiben. Im \u201eWiener Kurier\u201c bezeichnete er das KP\u00d6-Mitglied Paryla als \u201ebedingungslosen Partisanen einer Diktatur, deren brutaler Terror sich nicht nur auf die Gedanken erstreckt, sondern aufs nackte Leben\u201c, und forderte dessen Entlassung. Das Kuratorium der Salzburger Festspiele entsprach Torbergs Wunsch und \u201estornierte\u201c Parylas Engagement.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als zehn Jahre sp\u00e4ter Karl Paryla aus der DDR nach Wien zur\u00fcckkehrte und an das Theater in der Josefstadt engagiert wurde, schrieb Torberg: \u201eEs gen\u00fcgt nicht, da\u00df Karl Paryla hierzulande ungest\u00f6rt leben, kommunistisch w\u00e4hlen und sich kommunistisch bet\u00e4tigen darf \u2013 nein, man mu\u00df ihn auch noch engagieren.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und als der Schauspieler Otto Tausig nach seiner R\u00fcckkehr aus der DDR mit dem damaligen Direktor des Theaters in der Josefstadt, Franz Sto\u00df, wegen eines Engagements verhandelte, hielt Sto\u00df in der einen Hand den Vertrag und in der anderen eine \u201eReueerkl\u00e4rung\u201c, die sich auf Tausigs Zeit an dem von der KP\u00d6 und den sowjetischen Beh\u00f6rden unterst\u00fctzten \u201eNeuen Theater in der Scala\u201c bezog. Sto\u00df zu Tausig: \u201eDiese Erkl\u00e4rung ist nicht f\u00fcr mich, sondern f\u00fcr den Weigel und den Torberg.\u201c Neben Friedrich Torberg geh\u00f6rte Hans Weigel damals ebenfalls zu den Verfechtern einer strikt antikommunistischen Kulturpolitik.<\/p>\n<p>Torbergs Hass auf Bertolt Brecht ging so weit, dass er w\u00e4hrend seines Exils in Kalifornien in seiner Funktion als Informant f\u00fcr das FBI auch Bertolt Brecht bespitzelte. In einem Bericht vom 30. M\u00e4rz 1943 an das FBI ging Torberg zum Beispiel ausf\u00fchrlich auf Brechts Lehrst\u00fcck \u201eDie Ma\u00dfnahme\u201c ein und berichtete, dass \u201ethe subject\u201c ein kommunistischer Schriftsteller sei, der gemeinsam mit dem Kommunisten Hanns Eisler \u201eDas Solidarit\u00e4tslied\u201c geschrieben habe. Zwei Wochen nach Vorlage von Torbergs Bericht erwog das FBI, Brecht zu internieren, verwarf diesen Plan allerdings nach einer neuerlichen Pr\u00fcfung des Falls wieder.<\/p>\n<p>In seiner Funktion als Informant f\u00fcr das \u201eOffice of War Informations\u201c regte Torberg im Juni 1945 in New York auch an, \u201ethe communist political cells\u201c in Hollywood genauer unter die Lupe zu nehmen. Kurze Zeit sp\u00e4ter hat das ber\u00fcchtigte \u201eCommittee On Unamerican Activities\u201c die angeblichen \u201ekommunistischen Zellen\u201c in Hollywood ja dann tats\u00e4chlich unter die Lupe genommen und linke und liberale K\u00fcnstler vor den \u201eAusschuss zur Untersuchung unamerikanischer T\u00e4tigkeiten\u201c gezerrt, vor dem am 30. Oktober 1947 auch Bertolt Brecht aussagen musste. Die Ankl\u00e4ger, unter denen sich der sp\u00e4tere US-Pr\u00e4sident Richard Nixon befand, st\u00fctzten sich in ihrer Argumentation wesentlich auf die von Torberg gesammelten Informationen. Als sogenannter \u201efreundlicher Informant\u201c im Sinne der Anklage fungierte \u00fcbrigens der Schauspieler Ronald Reagan.<\/p>\n<p>Nachdem Brecht keine kommunistischen Umtriebe nachgewiesen werden konnten, verlie\u00df er umgehend die USA und kehrte nach Europa zur\u00fcck. Als er am 1. November 1947 auf dem Flughafen von Paris landete, waren er und seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, immer noch staatenlos, nachdem ihnen die nationalsozialistische Regierung 1935 die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt hatte. Nach f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigem Exil in D\u00e4nemark, Schweden, Finnland, der Sowjetunion und den USA lie\u00df sich Brecht zun\u00e4chst in der Schweiz nieder, um von dort aus die Lage zu sondieren. Wegen der ausl\u00e4nderfeindliche Politik der Schweizer Beh\u00f6rden, die sich vor allem gegen die aus dem Exil zur\u00fcckgekehrten Staatenlosen richtete, war f\u00fcr Brecht aber bald klar, dass er nicht in der Schweiz bleiben konnte.<\/p>\n<p>In dieser schwierigen Situation lernte er im Fr\u00fchjahr 1948 in Z\u00fcrich den jungen \u00f6sterreichischen Komponisten Gottfried von Einem kennen, der sich als Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele um deren geistige Neuorientierung bem\u00fchte. \u201eUm Brecht an Salzburg zu binden\u201c, so von Einem, \u201esah einer unserer Pl\u00e4ne vor, dass Berthold Viertel Intendant des Landestheaters werden sollte, Erich Engel Oberspielleiter und Brecht Dramaturg. Brecht war damit sehr einverstanden und machte gleich einige Vorschl\u00e4ge. Beispielsweise wollte er bei den Festspielen nicht nur den <i>Kaukasischen Kreidekreis<\/i>, sondern auch den <i>Faust<\/i> inszenieren. Und zwar beide Teile an einem Abend. Den Faust sollte Fritz Kortner und den Mephisto Peter Lorre spielen.\u201c<\/p>\n<p>Aber solche Pl\u00e4ne waren undurchf\u00fchrbar, solange Brecht keine brauchbaren Papiere hatte. Von Einem versprach Brecht, sich in Salzburg und Wien bei einflussreichen Personen daf\u00fcr einzusetzen, dass er Papiere zum Reisen bek\u00e4me, von einem Pass war damals noch nicht die Rede. Als Brecht im Oktober 1948 zum ersten Mal nach Salzburg kam, f\u00fchrte er sogleich Gespr\u00e4che \u00fcber m\u00f6gliche Auff\u00fchrungen seiner St\u00fccke in Salzburg und Wien.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines Aufenthalts in Z\u00fcrich im Fr\u00fchjahr 1949, wo ihm die Schweizer Beh\u00f6rden neuerlich Probleme machten, hatte Brecht erstmals die Idee, sich um einen \u00f6sterreichischen Pass zu bem\u00fchen. Er bot Gottfried von Einem an, f\u00fcr Salzburg ein Festspiel zu schreiben, wenn er daf\u00fcr einen Pass bek\u00e4me. Brecht: \u201eIch wei\u00df jetzt auch ein \u00c4quivalent, mehr f\u00fcr mich wert als Vorschuss irgendwelcher Art; das w\u00e4re ein Asyl, also ein Pa\u00df.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gottfried von Einem war mit dem Handel sofort einverstanden und ebnete Brecht bei den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden in Salzburg und Wien den Weg. In der Zwischenzeit hatte Brecht mit seiner Arbeit am \u201eSalzburger Totentanz\u201c begonnen, der im Hof des Stifts St. Peter aufgef\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p>Was freilich etwas verwundert, ist die Tatsache, dass Brecht offenbar nicht realisiert hatte, dass sich die Salzburger Festspiele in der Zwischenzeit k\u00fcnstlerisch l\u00e4ngst in eine andere Richtung entwickelt hatten. Dirigenten wie Wilhelm Furtw\u00e4ngler, Karl B\u00f6hm, Clemens Krauss oder Hans Knappertsbusch, die w\u00e4hrend der Nazizeit in Salzburg eine f\u00fchrende Rolle spielten, waren l\u00e4ngst wieder rehabilitiert worden, und mit Herbert von Karajan hatte im Sommer 1948 ein Dirigent die Salzburger B\u00fchne betreten, der die Festspiele vierzig Jahre lang entscheidend pr\u00e4gen sollte. Und Karajan war, wie Krauss oder B\u00f6hm, bekanntlich \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger des Nationalsozialismus gewesen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz kam Brecht immer wieder nach Salzburg, wo er bei Gottfried von Einem am M\u00f6nchsberg 17 wohnte. F\u00fcr Brecht war die Lage aber immer noch kompliziert, da er als Staatenloser nach wie vor nur \u00fcber provisorische Dokumente verf\u00fcgte. W\u00e4hrend Brecht also am \u201eSalzburger Totentanz\u201c arbeitete, besch\u00e4ftigten sich die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden in Wien und Salzburg mit der \u201eAkte Brecht\u201c und kamen einhellig zum Schluss, dass \u201edie Verleihung der Staatsb\u00fcrgerschaft an Bertolt Brecht ein Gewinn f\u00fcr das kulturelle Leben \u00d6sterreichs\u201c w\u00e4re. Am 12. April 1950 war es schlie\u00dflich soweit und Brecht und seine Frau, Helene Weigel, erhielten von der Salzburger Landesregierung die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als eineinhalb Jahre sp\u00e4ter diese Verleihung in der Bl\u00fctezeit des Kalten Krieges publik wurde, wollte nat\u00fcrlich keine der damit befassten Stellen irgendetwas damit zu tun gehabt haben. Der Magistrat Salzburg berief sich auf \u201edie k\u00fcnstlerische W\u00fcrdigung Bert Brechts im Gro\u00dfen Brockhaus\u201c, das Unterrichtsministerium redete sich auf \u201edas unaufh\u00f6rliche Dr\u00e4ngen\u201c der Salzburger Landesregierung aus, und Bundeskanzler Figl begr\u00fcndete die Zustimmung des Ministerrats damit, dass keine Beh\u00f6rde \u201eBedenken irgendwelcher Art\u201c ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Brenzlig wurde die Sache allerdings f\u00fcr Josef Klaus, der seit 1. Dezember 1949 Salzburger Landeshauptmann war und als politisch Hauptverantwortlicher in dieser Angelegenheit ins Schussfeld der Kritik geriet. Dieser zog sich aus der Aff\u00e4re, indem er Gottfried von Einem zum Alleinverantwortlichen machte, der wegen seines Einsatzes f\u00fcr Brecht bereits am 31. Oktober 1951 aus dem Direktorium der Festspiele entfernt worden war. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als Wiedergutmachung wurde Gottfried von Einem nach dem Tod Wilhelm Furtw\u00e4nglers<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>1954 Pr\u00e4sident des Kunstrates der Festspiele. In dieser Funktion kam es zwischen von Einem und Josef Klaus ein Jahr sp\u00e4ter zu einer weiteren Auseinandersetzung, in deren Verlauf sich der Landeshauptmann vehement \u201egegen die Verjudung der Festspiele\u201c aussprach. Der Grund: Gottfried von Einem hatte das Juilliard-Quartett nach Salzburg eingeladen, woraufhin sich Josef Klaus dar\u00fcber beklagte, dass die Einladung nur erfolgt sei, weil es sich bei den vier Herren um Juden handelte. Gottfried von Einem antwortete, dass es sich beim Juilliard-Quartett um eines der besten Quartette der Welt handle. Darauf Josef Klaus: \u201eTrotzdem, die Verjudung der Festspiele, die gibt\u2018s bei mir nicht.\u201c Von 1964 bis 1970 war Josef Klaus dann Bundeskanzler der Republik \u00d6sterreich und trat im Wahlkampf 1970 als \u201eechter \u00d6sterreicher\u201c gegen Bruno Kreisky an, der als Emigrant und Jude dieses Attribut wohl nicht verdiente.<\/p>\n<p>Mit dem Rausschmiss von Einems aus dem Festspieldirektorium galt der \u201egr\u00f6\u00dfte Kulturskandal der Zweiten Republik\u201c nach au\u00dfen hin zwar als beendet, f\u00fcr das \u00f6sterreichische Theater sollte er aber noch fatale Auswirkungen haben, bildete er doch den Auftakt zu einem tats\u00e4chlichen Skandal, n\u00e4mlich den Brecht-Boykott in \u00d6sterreich.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwischen 1950 und 1963 wagte es kaum ein \u00f6sterreichisches Theater, ein St\u00fcck von Brecht auf den Spielplan zu setzen. Und versuchte es eine B\u00fchne trotzdem, wurden sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, diese Auff\u00fchrung zu verhindern.<\/p>\n<p>1961 bekannte Friedrich Torberg ganz offen: \u201eIch habe als Theaterkritiker, als Herausgeber einer kulturpolitischen Zeitschrift und auf jeder anderen mir zug\u00e4nglichen Plattform nach besten Kr\u00e4ften darauf hingewirkt, da\u00df Brecht in Wien nicht gespielt wird. Ich bin daf\u00fcr mitverantwortlich, oder, wie einige von Ihnen es vielleicht lieber formuliert h\u00f6ren w\u00fcrden: Ich bin daran mitschuldig.\u201c<\/p>\n<p>Mit der von Torberg erw\u00e4hnten kulturpolitischen Zeitschrift war das FORVM gemeint, das jahrelang von der CIA finanziell unterst\u00fctzt wurde<\/p>\n<p>Eine besonders \u00fcble Rolle im Zusammenhang mit dem Brecht-Boykott spielte der Journalist G\u00fcnter Nenning, der Ende der f\u00fcnfziger Jahre zu Friedrich Torbergs Zeitschrift gesto\u00dfen war und sich sofort in die Brecht-Diskussion einschaltete. 1958 schrieb Nenning: \u201eDa\u00df Brecht in \u00d6sterreich nicht gespielt werden soll ist ein Standpunkt, der eingehende Diskussion verdient: Diskussion unter uns \u2013 das hei\u00dft unter den rabiaten Antikommunisten und rabiaten Demokraten. Die Teilnahme von Kommunisten ist unerw\u00fcnscht. Die Kommunisten m\u00f6gen schweigen. Sie haben von der Demokratie keinerlei Freiheiten zu fordern, nicht einmal die ihrer nackten politischen Existenz \u2013 welche ihnen die Demokratie aus Prinzip und N\u00fctzlichkeit dennoch gew\u00e4hrt.&#8220;<\/p>\n<p>Nennings Position unterschied sich von der primitiven Anti-Brecht-Linie eines Friedrich Torberg oder Hans Weigel insofern, als er durchaus f\u00fcr die Auff\u00fchrung von Brecht-St\u00fccken war, allerdings nur, wenn es der Regie gel\u00e4nge, \u201edie antikommunistische Moral herauszuholen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter hielt sich Burgtheaterdirektor Ernst Haeusserman an dieses Konzept, indem er vor der Auff\u00fchrung von Brechts \u201eGalilei&#8220; das Anti-Brecht-St\u00fcck \u201eDie Plebejer proben den Aufstand&#8220; von G\u00fcnter Grass auf den Spielplan setzte. Nachdem sich das Publikum also davon \u00fcberzeugen konnte, welches Schwein Brecht in Wirklichkeit war, durfte es sich an Curd J\u00fcrgens&#8216; garantiert kulinarischer Darstellung des Galilei erfreuen.<\/p>\n<p>Damit endete der Brecht-Boykott in typisch \u00f6sterreichischer Manier mit einem faulen Kompromiss und es sollte noch Jahre dauern, ehe es hierzulande zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den St\u00fccken Bertolt Brechts kam.<\/p>\n<p><i>\u201eDer Standard\u201c (Album), 25.\/26. April 2020<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreckensmeldung stand zuerst in den \u201eSalzburger Nachrichten\u201c: \u201eKulturbolschewistische Atombombe auf \u00d6sterreich abgeworfen\u201c. 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