{"id":1492,"date":"2020-11-19T19:48:41","date_gmt":"2020-11-19T18:48:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=1492"},"modified":"2026-02-06T13:36:19","modified_gmt":"2026-02-06T12:36:19","slug":"der-sprung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/der-sprung\/","title":{"rendered":"Der Sprung"},"content":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen S. hatte nach dem Fr\u00fchst\u00fcck eine Cipralex genommen. Wegen der sich h\u00e4ufenden Panikattacken hatte er die Dosis ohne R\u00fccksprache mit seiner \u00c4rztin von 5 auf 20 mg erh\u00f6ht, aber auch das \u00e4nderte nichts an seinem Zustand. Er f\u00fchlte sich, als w\u00e4re er in Watte gepackt, und es fiel ihm schwer, seine Umwelt als etwas Reales wahrzunehmen. Die dritte Nacht infolge hatte er kaum geschlafen und er sp\u00fcrte, wie sich eine ungeheure M\u00fcdigkeit in seinem K\u00f6rper ausbreitete. Au\u00dferdem hatte er Kopfschmerzen und ihm war \u00fcbel.<br \/>\nEr stand vor dem Aquarium mit dem blauen Hintergrund, in dem sich die Kanonenkugel-Quallen nach einer geheimnisvollen Choreographie bewegten. Schwerelos schwebten die gallertartigen Tierchen im Wasser und bildeten bizarre Formationen. Er hielt seine f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter Sophia an der Hand und versuchte, wenigstens auf diese Weise einen Kontakt zu ihr herzustellen, aber es gelang ihm nicht. Er h\u00e4tte nicht einmal sagen k\u00f6nnen, ob es seine oder ihre Hand war, die schwitzte. Unbeteiligt verfolgte er den Tanz der Nesseltiere und er fragte sich, warum er nicht als Qualle geboren worden war.<br \/>\n\u201eSind die giftig?\u201c, fragte Sophia.<\/p>\n<p style=\"position: absolute; top: -9999px;\">F\u00fcr einen klaren Start ohne lange Vorbereitung eignet sich <a href=\"https:\/\/immediate-edges.de\/\">Immediate Edge<\/a> als erster Klick.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen S. warf einen Blick auf den Monitor, der neben dem Aquarium an der Wand hing. \u201eNein, in Asien werden diese Quallen sogar gegessen, und in der Medizin verwendet man sie gegen Bluthochdruck, Bronchitis und Arthritis.\u201c<br \/>\nSophia war verwirrt. \u201eWaaas?\u201c Sie zog das a in die L\u00e4nge, um zu unterstreichen, dass sie von Bluthochdruck, Bronchitis und Arthritis keine Ahnung hatte. \u201eIch m\u00f6chte die nicht essen, die sehen so slabberig aus. Ich mag lieber Pommes mit Ketsup. Komm, gehen wir zur gro\u00dfen Sildkr\u00f6te.\u201c Sophia zog ihren Vater weg vom Aquarium, blieb aber gleich wieder stehen, als ein Buggy an ihnen vorbeigeschoben wurde. Gebannt starrte sie in das Innere des Wagens, in dem ein kleines Baby schlief. J\u00fcrgen S. h\u00e4tte gerne gewusst, weshalb seine Tochter so fasziniert von Babys war, aber wahrscheinlich war das normal f\u00fcr M\u00e4dchen in ihrem Alter. Jetzt fiel ihm ein, dass sie Sophias Puppe im Auto vergessen hatten.<br \/>\nEr merkte, dass er kaum noch die Augen offen halten konnte und dass sein Herz viel zu schnell schlug. Ein deutliches Anzeichen daf\u00fcr, dass wieder eine der gef\u00fcrchteten Panikattacken im Anmarsch war. Sein Handy klingelte; mechanisch holte er es aus seiner Hosentasche. Es war seine Ex-Frau, die wahrscheinlich erst jetzt vom Kindergarten informiert worden war, dass er Sophia abgeholt hatte, obwohl er dazu gar nicht berechtigt gewesen w\u00e4re. Aber die neue Kinderg\u00e4rtnerin hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Warum auch, schlie\u00dflich war er Sophias Vater. J\u00fcrgen S. wischte \u00fcber das Display und schaltete das Handy aus. Er hatte seiner Ex-Frau nichts mehr zu sagen. Es war eine spontane Idee gewesen, mit Sophia wieder einmal ins Haus des Meeres zu gehen. Dabei hatte er gar nicht damit gerechnet, dass es mit der Abholung klappen w\u00fcrde. Ausnahmsweise hatte er einmal Gl\u00fcck gehabt.<br \/>\nNachdem sie die elektronische Eingangskontrolle passiert hatten, wollte Sophia als Erstes in den Souvenirladen, um sich die Pl\u00fcschversion einer Schildkr\u00f6te zu kaufen. Aber J\u00fcrgen S. hatte keine Lust, Geld f\u00fcr ein \u00fcberteuertes ausgestopftes Stoffteil auszugeben, nur weil es die Form einer l\u00e4chelnden Schildkr\u00f6te hatte. Die Plastikschlangen w\u00e4ren billiger gewesen, allerdings bezweifelte er, dass sich seine Tochter dar\u00fcber gefreut h\u00e4tte. Neben den Pl\u00fcsch- und Plastiktieren gab es auch noch Bleistifte, Tassen und Kappen mit Haifisch- oder Schildkr\u00f6tenmotiven.<br \/>\nEin Jahr lang war J\u00fcrgen S. im Haus des Meeres ein- und aus gegangen, nachdem das Architekturb\u00fcro, in dem er bis vor kurzem gearbeitet hatte, mit der Neugestaltung der Fassade und des Obergeschosses beauftragt worden war. Das war auch der Grund, weshalb er immer noch die Schl\u00fcsselkarte besa\u00df, die er eigentlich schon l\u00e4ngst h\u00e4tte abgeben m\u00fcsste. J\u00fcrgen S. blickte sich um und war froh, keinem der Angestellten zu begegnen. Jedes Gespr\u00e4ch w\u00e4re ihm heute schwer gefallen.<br \/>\n\u201eKomm, gehen wir\u201c, sagte er m\u00fcde zu seiner Tochter. \u201eDie Schildkr\u00f6te wartet.\u201c<br \/>\nSophia h\u00e4tte dem schlafenden Baby gerne noch l\u00e4nger zugesehen, aber nach kurzem Z\u00f6gern folgte sie dann doch ihrem Vater. Sie griff nach seiner Hand und schmiegte sich wegen der vielen Menschen enger an ihn. J\u00fcrgen S. bekam eine G\u00e4nsehaut, weil er die N\u00e4he seiner Tochter nicht mehr gewohnt war. \u00dcberhaupt hatte er schon lange keinen k\u00f6rperlichen Kontakt mehr gesp\u00fcrt.<br \/>\nAuf einem Monitor las er, dass die F\u00fctterung der Haifische um 15 Uhr 30 stattfand. So lange w\u00fcrde er nicht durchhalten.<br \/>\nVor dem Terrarium mit drei riesigen Anakondas blieben sie stehen. Eine der Schlangen hatte ihren massigen K\u00f6rper gegen das Glas gedr\u00fcckt, und ein paar Kinder machten sich einen Spa\u00df daraus, ihre H\u00e4nde ebenfalls gegen das Glas zu dr\u00fccken. \u201eIgitt, ist das gruselig\u201c, kreischte eine junge Mutter, \u201ehoffentlich bricht das Glas nicht, dann w\u00fcrden euch die Schlangen n\u00e4mlich auffressen.\u201c Sophia warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu. J\u00fcrgen S. zuckte aber blo\u00df mit den Schultern.<br \/>\nIm Sekundentakt wurden Handyfotos von den Schlangen gemacht. Argw\u00f6hnisch beobachtete Sophia die erstaunlich dicken Anakondas, die regungslos in ihrem Gef\u00e4ngnis lagen. J\u00fcrgen S. wusste nicht, wieviel Platz Anakondas in ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung brauchten, aber er fragte sich, ob den Tieren \u00fcberhaupt bewusst war, dass sie f\u00fcr immer eingesperrt waren.<\/p>\n<p>Ein pflichtbewusster Vater las seiner Frau und seinen beiden Kindern vor, was auf dem Monitor zu lesen war:<br \/>\n\u201eAnakondas zeigen ein einzigartiges Paarungsverhalten. Mehrere M\u00e4nnchen umschlingen das sehr viel gr\u00f6\u00dfere Weibchen und bilden ein Paarungskn\u00e4uel. Solch ein Kn\u00e4uel kann bis zu vier Wochen bestehen. Nach einer Tragzeit von sechs bis acht Monaten kommen die fertig entwickelten Jungtiere lebend zur Welt. Ihre Anzahl betr\u00e4gt bis \u00fcber 100. Sie sind bei der Geburt bis zu 90 Zentimeter lang und 400 Gramm schwer. Es kommt h\u00e4ufig vor, dass das geschw\u00e4chte Weibchen einige Jungtiere frisst.\u201c<br \/>\n\u201eGeh, das ist aber grauslich\u201c, sagte seine Frau mit gespieltem Entsetzen und verzog das Gesicht. Dabei f\u00fchrten ihre Haare, die zu einer schlampige Assi-Palme gebunden waren, einen eigenartigen Tanz auf.<br \/>\n\u201eWaaas?\u201c Sophia sah ihren Vater an.<br \/>\n\u201eAch, nichts. Komm, gehen wir weiter.\u201c<br \/>\nIn einer durchsichtigen Kunststoffr\u00f6hre, die in Augenh\u00f6he an den Gangw\u00e4nden montiert war und sich durch das ganze Haus des Meeres zog, schleppten Ameisen unerm\u00fcdlich winzige Materialien zu einem Bau, von dem J\u00fcrgen S. aber nicht wusste, wo er sich befand. Gab es dieses Rohr schon l\u00e4nger? W\u00e4hrend der Umbauzeit war es ihm nicht aufgefallen.<br \/>\nSie betraten einen abgedunkelten Raum, in dem in schummrig beleuchteten Terrarien verschiedene Spinnen ihr trauriges Dasein fristeten. Bei der riesigen Vogelspinne war sich J\u00fcrgen S. allerdings nicht sicher, ob das Tier echt war oder ob es sich um ein Pr\u00e4parat handelte. Lange starrte er die pelzige Spinne an, die entweder schlief, sich tot stellte oder eine Leihgabe des Naturhistorischen Museums war. Tot stellen w\u00e4re auch eine L\u00f6sung, dachte er. \u201eM\u00f6chtest du die Krokodile sehen?\u201c, fragte J\u00fcrgen S., um zu signalisieren, dass er den Ausflug mit seiner Tochter ernst nahm.<br \/>\n\u201eVor Krokodilen habe ich Angst\u201c, antwortete Sophia. Wenn es nur die Krokodile w\u00e4ren, dachte J\u00fcrgen S. und merkte, wie die Schmerzen in seiner Brust immer heftiger wurden. Er atmete tief durch, ohne dass sich sein Zustand gebessert h\u00e4tte. Treiben Sie regelm\u00e4\u00dfig Sport; sorgen Sie f\u00fcr ausreichend Schlaf; essen Sie kleinere Mahlzeiten und meiden Sie Koffein, Nikotin und psychaktive Drogen, hatte ihm seine \u00c4rztin geraten, aber er konnte mit diesen Empfehlungen nichts anfangen.<br \/>\n\u201ePapa, schau, was ist denn das f\u00fcr ein h\u00e4ssliches Tier?\u201c<br \/>\nDas Wort Papa lie\u00df J\u00fcrgen S. zusammenzucken. Er hatte es schon lange nicht mehr geh\u00f6rt. Sophia deutete auf den chinesischen Riesensalamander, der in der Tat abschreckend aussah. J\u00fcrgen S. war w\u00e4hrend der Zeit des Umbaus oft vor dem Aquarium gestanden und hatte sich gefragt, weshalb dieses Tier, das in China in B\u00e4chen und Fl\u00fcssen lebt, so stark bejagt wurde. A\u00dfen die Chinesen tats\u00e4chlich solche Riesensalamander, die bis zu zwei Meter lang wurden? Er konnte sich nicht ann\u00e4hernd vorstellen, wie Salamander-Fleisch schmeckte, vertrieb den Gedanken aber gleich wieder, weil er sich sonst h\u00e4tte \u00fcbergeben m\u00fcssen.<br \/>\nNoch bevor das Architekturb\u00fcro, in dem er gearbeitet hatte, mit den Umbauarbeiten f\u00fcr das Haus des Meeres beauftragt worden war, hatte es Diskussionen dar\u00fcber gegeben, ob es \u00fcberhaupt vertretbar war, eine Attraktion wie das Haus des Meeres in einem Flakturm unterzubringen. Immerhin waren die Flakt\u00fcrme in Wien auf Befehl Adolf Hitlers erbaut worden und noch 1955 hatte der Architekt der T\u00fcrme festgestellt, dass in den Flakt\u00fcrmen der milit\u00e4rische Auftrag am st\u00e4rksten zu einer plastischen Gesamtform gediehen sei. J\u00fcrgen S. hatte oft ein mulmiges Gef\u00fchl gehabt, wenn er daran dachte, dass dort, wo jetzt bunte Meeresfische schwammen, tausende Fremd- und Zwangsarbeiter zum Bau des Flakturms eingesetzt wurden und Hunderte von ihnen dabei den Tod fanden.<br \/>\n\u201eDas ist ein chinesischer Riesensalamander, der ist harmlos.\u201c<br \/>\n\u201eAber der ist gr\u00f6\u00dfer als ich. Kann mich der fressen?<br \/>\nJ\u00fcrgen S. versuchte zu l\u00e4cheln. \u201eNein, der ern\u00e4hrt sich von Fischen und Krebsen.\u201c<br \/>\n\u201eIch mag zur gro\u00dfen Schildkr\u00f6te\u201c, quengelte Sophia und zog ihren Vater weg vom Riesensalamander. \u201eFlora hat zwei Schildkr\u00f6ten und darf sie sogar streicheln. Warum bekomme ich keine Schildkr\u00f6ten?\u201c<br \/>\n\u201eDa musst du Mama fragen\u201c, antwortete J\u00fcrgen S. n\u00fcchtern.<br \/>\n\u201eAber Mama sagt immer, dass Schildkr\u00f6ten oft krank sind und dass sie dann zum Tierarzt m\u00fcssen.\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00df ich nicht, ich kenne mich mit Schildkr\u00f6ten nicht aus.\u201c\u2028Sophia schien dar\u00fcber nachzudenken, was die Antwort ihres Vaters bedeutete, und runzelte die Stirn.<br \/>\n\u201eKomm, fahren wir mit dem Aufzug in den dritten Stock.\u201c Er war zu m\u00fcde zum Treppensteigen.<br \/>\nVor dem riesigen Aquarium mit der Rifflandschaft dr\u00e4ngte sich ein Pulk von Kindern, von denen eines einen herzf\u00f6rmigen Luftballon mit der Aufschrift HAPPY BIRTHDAY in der Hand hielt. Die Kinder trugen Papp-Kronen eines Fast-Food-Restaurants. Viele von ihnen waren wahrscheinlich jetzt schon zuckerkrank oder w\u00fcrden es in absehbarer Zukunft werden. Neben dem M\u00e4dchen mit dem Luftballon stand eine Mitarbeiterin des Hauses des Meeres.<br \/>\n\u201eSchau dir diesen riesigen Rochen an, sein Schwanz ist giftig, wenn der dich sticht, stirbst du\u201c, kl\u00e4rte ein Vater seinen Sohn auf, der nicht zur Geburtstagsgruppe geh\u00f6rte. Aber statt seinem Vater zuzuh\u00f6ren, blickte der Junge neidisch auf das M\u00e4dchen mit dem Luftballon. \u201eDort, siehst du, zwischen den Felsen, da schaut eine Mur\u00e4ne heraus. Von der m\u00f6chte ich nicht gebissen werden.\u201c Und nachdem er einen Blick auf den Monitor geworfen hatte, f\u00fcgte er hinzu: \u201eEs ist eine Gr\u00fcne Mur\u00e4ne, die kann bis zu zwei Meter f\u00fcnfzig lang werden.\u201c<br \/>\n\u201eHe, schau, dieser riesige Fisch, wie hei\u00dft der?\u201c, fragte ein dicker Junge aus der Geburtstagsgruppe.<br \/>\n\u201eDas ist ein Riesenzackenbarsch\u201c, antwortete die Betreuerin mit einem zufriedenen L\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eIst der gef\u00e4hrlich?\u201c<br \/>\n\u201eNein, nat\u00fcrlich nicht.\u201c Die Frau klatschte in die H\u00e4nde. \u201eSo, nachdem sich Betty zu ihrem Geburtstag einen Besuch bei unserer ber\u00fchmten Schildkr\u00f6te gew\u00fcnscht hat, werde ich euch jetzt ein bisschen etwas \u00fcber ihr Leben erz\u00e4hlen.\u201c<br \/>\nSophia sah ihren Vater an, der ihr aufmunternd zunickte, woraufhin sie sich unter die Gruppe mischte. Der Junge neben ihr warf ihr wegen ihrer fehlenden Papp-Krone einen abf\u00e4lligen Blick zu.<br \/>\n\u201eSo, wie jeder von euch einen Namen hat, hat auch unsere Riesenschildkr\u00f6te einen Namen. Und zwar hei\u00dft sie Puppi. Wer von euch hat schon einmal eine Riesenschildkr\u00f6te gesehen?\u201c<br \/>\nDie Frage verhallte ungeh\u00f6rt im Raum, weil die Kinder entweder ins Aquarium starrten oder sich mit ihren Handys besch\u00e4ftigten.<br \/>\n\u201eDort ist sie\u201c, rief ein M\u00e4dchen, und tats\u00e4chlich tauchte in diesem Augenblick die Schildkr\u00f6te auf und schnappte nach etwas Essbarem, das wie ein B\u00fcschel Gras aussah. Ein paar Kinder machten Handyfotos, dann verschwand die Schildkr\u00f6te wieder hinter einer Felsformation.<br \/>\nJ\u00fcrgen S. hatte sich in der Zwischenzeit von der Gruppe entfernt und sich auf einen Stuhl neben einem Kaffeeautomaten gesetzt. Er atmete tief durch, aber die Angst lie\u00df sich nicht absch\u00fctteln. Sie schien sich in seinem Inneren festgekrallt zu haben. Er kratzte sich am Unterarm und fixierte einen Punkt an der Wand. Wenn er allein gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er sich jetzt einfach auf den Boden gelegt. Reflexartig holte er sein Handy hervor und schaltete es ein. Die f\u00fcnf Anrufe in Abwesenheit waren allesamt von seiner Ex-Frau. Er schaltete das Handy wieder aus und ging zur Geburtstagsgruppe zur\u00fcck.<br \/>\n\u201e\u2026 die Frau zahlte einen Dollar f\u00fcr die winzige Baby-Schildkr\u00f6te, die sie damit vor dem sicheren Tod rettete. In ihrer Handtasche schmuggelte sie Puppi nach Wien, wo sie ein eigenes Aquarium bekam und sich gleich sehr wohl f\u00fchlte.\u201c<br \/>\nJ\u00fcrgen S. kam sich vor wie in einer M\u00e4rchenstunde. W\u00e4hrend die Betreuerin weiter erz\u00e4hlte, beobachtete er die Riffhaie und die Riesenzackenbarsche, die unaufh\u00f6rlich ihre Runden drehten. F\u00fcr sie gab es kein Entkommen, genau wie f\u00fcr ihn. Es war jetzt 13 Uhr, die F\u00fctterung der Haifische w\u00fcrde erst um 15 Uhr 30 beginnen, so lange konnte er nicht mehr warten. Er musste raus hier, aber Sophia schien von Puppis Lebensgeschichte ganz begeistert zu sein.<br \/>\n\u201eEines Tages bekam Puppi sogar eine Lungenentz\u00fcndung, konnte aber zum Gl\u00fcck durch die Verabreichung von H\u00fchner-Antibiotika wieder geheilt werden.\u201c<br \/>\n\u201eWas ist H\u00fchnerbiotika?\u201c, fragte ein M\u00e4dchen.<br \/>\n\u201eAntibiotika\u201c, kl\u00e4rte sie die M\u00e4rchentante auf, \u201edas ist ein Medikament, das man H\u00fchnern gibt, wenn sie krank sind. Und Menschen auch.\u201c<br \/>\n\u201eWie alt ist denn Puppi jetzt? Ich habe gelesen, dass Schildkr\u00f6ten einhundert Jahre alt werden k\u00f6nnen.\u201c Die Frage kam von dem Jungen, der neben Sophia stand, und sie nach seiner Frage triumphierend ansah.<br \/>\n\u201ePuppi ist jetzt 44 Jahre alt und sie ist seit ihrem sechsten Lebensjahr im Haus des Meeres.\u201c<br \/>\n\u201eFeiert sie auch Geburtstag?\u201c, wollte ein M\u00e4dchen mit Brille und Zahnspange wissen.<br \/>\n\u201eJa, und da bekommt sie dann immer ein Leckerli.\u201c<br \/>\nJ\u00fcrgen S. reichte es. Er nahm Sophia an der Hand. \u201eKomm, gehen wir\u201c, fl\u00fcsterte er, weil er kein Aufsehen erregen wollte.<br \/>\nAber Sophia riss sich los. \u201eNein, ich m\u00f6chte nicht gehen. Ich m\u00f6chte mir noch die Geschichte von Puppi anh\u00f6ren. Und ich m\u00f6chte auch endlich eine Schildkr\u00f6te haben.\u201c<br \/>\n\u201ePsst\u201c, ermahnte sie der Junge neben ihr, der sich in der Rolle des Aufpassers sichtlich wohl f\u00fchlte.<br \/>\n\u201eUnsere Puppi ist eine richtige Pers\u00f6nlichkeit, die Gef\u00fchle hat und die sogar traurig sein kann \u2026\u201c<br \/>\nJ\u00fcrgen S. entfernte sich von der Gruppe und griff geistesabwesend in seine Hosentasche, in der sich neben seinem Handy auch die Schl\u00fcsselkarte befand. Er ging die Treppe hoch und blieb vor der T\u00fcr mit der Aufschrift Technikraum \u2013 Haibecken. Zutritt nur f\u00fcr Berechtigte stehen. Von hier gelangte man zu einer Plattform, von der aus Techniker, Biologen oder Fischkundler einen direkten Zugang zum Wasser hatten. Ohne lange zu \u00fcberlegen, \u00f6ffnete er mit seiner Schl\u00fcsselkarte die T\u00fcr. Die Salzaufbereitungsanlage arbeitete auf Hochtouren, aber das nahm J\u00fcrgen S. gar nicht mehr wahr. Nachdem er die Plattform erreicht hatte, hielt er f\u00fcr einen Augenblick inne, bevor er sich wie in Trance bis auf seine Boxershorts auszog.<br \/>\nDas Wasser war glasklar und die Rifflandschaft mit den Haien, den Rochen, den Zackenbarschen und den vielen anderen bunten Fischen erinnerte an ein Werbevideo f\u00fcr einen Tauchurlaub in der S\u00fcdsee. J\u00fcrgen S. stellte sich an den Rand der Plattform, atmete tief durch und landete mit einem Kopfsprung im Haifischbecken. Das Wasser brannte in seinen Augen, aber J\u00fcrgen S. hielt sie offen. Mit kr\u00e4ftigen Tempi tauchte er nach unten und bereits nach wenigen Sekunden sah er hinter dem Glas leicht verzerrt die Kindergruppe stehen. Eines der Kinder deutete aufgeregt in seine Richtung, und sofort waren alle Handys auf ihn gerichtet. Blitzlichter zuckten und f\u00fcr einen kurzen Moment konnte er auch die Betreuerin erkennen, die ihn mit offenem Mund anstarrte. Er merkte, wie ihm langsam die Luft ausging, und es ihm immer schwerer fiel, gegen den Auftrieb anzuk\u00e4mpfen. Sophia hatte sich nach vorne gedr\u00e4ngt und stemmte ihre kleinen H\u00e4nde gegen das Glas, so als w\u00fcrde sie versuchen, die Barriere zu durchsto\u00dfen, um ihren Vater zu retten. Tr\u00e4nen liefen \u00fcber ihre Wangen, aber J\u00fcrgen S. wusste, dass es kein Zur\u00fcck mehr gab. Mit letzter Kraft hielt er sich an den gezackten Steinen des Riffs fest und blickte Sophia tief in die Augen. In seinen Ohren dr\u00f6hnte es und auch wenn seine Lungen zu platzen schienen, lie\u00df er die Steine nicht los. Die Schmerzen in seinem K\u00f6rper wurden immer unertr\u00e4glicher und er begann, Wasser zu schlucken.<br \/>\nDie Haifische kamen immer n\u00e4her und umkreisten J\u00fcrgen S. Pl\u00f6tzlich schoss der gr\u00f6\u00dfte Hai nach vorne und verbiss sich in den Oberarm des Eindringlings. Bevor es dunkel um ihn herum wurde, sah J\u00fcrgen S. noch, wie seine Tochter mit ihren winzigen F\u00e4usten verzweifelt gegen das Glas des Aquariums trommelte, dessen Wasser sich blutrot f\u00e4rbte.<\/p>\n<p><em>Eine Stadt. Ein Buch, November 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen S. hatte nach dem Fr\u00fchst\u00fcck eine Cipralex genommen. Wegen der sich h\u00e4ufenden Panikattacken hatte er die Dosis ohne R\u00fccksprache mit seiner \u00c4rztin von 5 auf 20 mg erh\u00f6ht, aber auch das \u00e4nderte nichts an seinem Zustand. Er f\u00fchlte sich, als w\u00e4re er in Watte gepackt, und es fiel ihm schwer, seine Umwelt als etwas [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1492","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1492"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1492"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1932,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1492\/revisions\/1932"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}