{"id":298,"date":"2016-12-28T20:25:04","date_gmt":"2016-12-28T19:25:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=298"},"modified":"2016-12-28T20:28:12","modified_gmt":"2016-12-28T19:28:12","slug":"eine-egusi-soup-fuer-die-frau-minister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/eine-egusi-soup-fuer-die-frau-minister\/","title":{"rendered":"Eine Egusi-Soup f\u00fcr die Frau Minister"},"content":{"rendered":"<section  class='av_textblock_section av-av_textblock-0366cc7376be6c9e82a3e9cc8987b64f '   itemscope=\"itemscope\" itemtype=\"https:\/\/schema.org\/BlogPosting\" itemprop=\"blogPost\" ><div class='avia_textblock'  itemprop=\"text\" ><p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und Sie glauben wirklich, dass das eine gute Idee ist, wenn ich mich mit diesem \u2013 wie hei\u00dft er noch einmal?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Chimamanda Nkwongu.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wie?\u201c, fragte die Innenministerin.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Chimamanda Nkwongu\u201c, wiederholte ihr Pressereferent leicht genervt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Schreiben Sie mir den Namen auf, ich kann mir das alles nicht mehr merken. Ich soll mich also tats\u00e4chlich mit diesem Nigerianer fotografieren lassen?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ja, Frau Ministerin\u201c, antwortete Magister Besendorfer beflissen, \u201eglauben Sie mir, das wird Ihnen viel Sympathie einbringen. Ich habe mit der Leiterin des Asylantenheims in Pichlwang bereits alles besprochen. Sie wird die beiden Kinder des Nigerianers so herrichten, dass wir ein richtig sch\u00f6nes Foto zusammenbringen. Ich stelle mir so eine Art Familienfoto vor, wo Sie quasi die Mutterrolle einnehmen. Die Frau von diesem Nkwongu ist ja von Boko-Haram-K\u00e4mpfern entf\u00fchrt worden. Da werden selbst die Herzen der Kronen-Zeitungs-Leser h\u00f6her schlagen. Der Chefredakteur hat mir \u00fcbrigens versprochen, dass das Foto am Samstag auf die Titelseite kommt. Und auf Facebook werden bei diesen Fotos viele Daumen nach oben zeigen. Was wollen Sie mehr?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Na ja, aber warum ausgerechnet ein Nigerianer?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dieser Nkwongu ist der perfekte Vorzeige-Asylwerber. Er ist mit seinen beiden Kindern vor den Islamisten gefl\u00fcchtet und war ein ganzes Jahr lang unterwegs, um im katholischen \u00d6sterreich Schutz zu suchen. Au\u00dferdem hat er in Nigeria als Lehrer gearbeitet. Das ist keine undurchsichtige Figur wie dieser Tschetschene, der k\u00fcrzlich im H\u00f6llengebirge ermordet wurde.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Innenministerin hob abwehrend die H\u00e4nde. \u201eH\u00f6ren Sie mir mit diesem Mord auf. Der darf heute auf keinen Fall zur Sprache kommen. Ich habe keine Lust, mich in die Nesseln zu setzen. Mir steht ohnehin schon das Wasser bis zum Hals.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nein, nein\u201c, antwortete Besendorfer. \u201eDas ist ja auch der Grund, weshalb wir diesen Nkwongu als positives Beispiel pr\u00e4sentieren wollen.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber, was ist mit dem Dubliner Abkommen? Wieso ist dieser Nigerianer nicht schon l\u00e4ngst nach Italien oder Spanien abgeschoben worden?\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Magister Besendorfer warf einen Blick in seine Unterlagen. \u201eAus seinem Akt geht hervor, dass er bisher nur in \u00d6sterreich um Asyl angesucht hat. Er hat ausgesagt, dass er mit seinen Kindern ausschlie\u00dflich in der Nacht unterwegs gewesen ist und sie daher von niemandem gesehen werden konnten.\u201c Besendorfer hielt kurz inne. \u201eSie sind ja schwarz und in der Nacht \u2013\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Ministerin sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eWenn ich so etwas sage, hei\u00dft es gleich wieder, die Breitfurtner-Brandst\u00e4tter ist eine Rassistin.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Besendorfer machte eine entschuldigende Geste. \u201eAber schrecken Sie sich bitte nicht, der Nigerianer ist n\u00e4mlich wirklich schwarz. Und zwar pechschwarz. Ich sag\u2018s ja nur.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Innenministerin sah beim Fenster ihres Dienstwagens hinaus und war sich noch immer nicht sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Oed<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> hie\u00df die Ausfahrt, an der sie gerade vorbeifuhren, und sie fragte sich, weshalb solche Orte im Interesse des \u00f6sterreichischen Fremdenverkehrs nicht einfach umbenannt wurden. Ihr war hei\u00df, au\u00dferdem hatte sie Wallungen. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Zeit f\u00fcr den Wechsel<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> hatte ihre Partei bei den letzten Wahlen im ganzen Land plakatieren lassen. So ein Slogan konnte auch nur M\u00e4nnern einfallen. Habe ich eigentlich Binden dabei? Seit ein paar Tagen hatte sie einen merkw\u00fcrdigen Ausfluss. Nerv\u00f6s kaute sie an ihren Fingern\u00e4geln. Sie warf einen Blick in ihren Handspiegel und betrachtete nachdenklich ihr Gesicht. Sie war in einem Alter, in dem die Halsketten immer opulenter, die Ohrringe immer gr\u00f6\u00dfer und die Haut immer schlaffer wurde. Vielleicht sollte ich mir meine schmalen Lippen doch aufspritzen lassen? Und wieder fiel ihr ein, was sie k\u00fcrzlich auf der Toilette des Ministeriums geh\u00f6rt hatte. \u201eDiese verh\u00e4rmte Spinatwachtel hat ihren Job ja auch nur bekommen, weil sie ein Protektionskind vom Kim Jong Un aus Radlbrunn ist.\u201c Sie war so perplex gewesen, dass sie sich zehn Minuten lang nicht aus dem WC herausgetraut hatte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Besendorfer reichte ihr den Zettel mit dem unaussprechlichen Namen. Widerwillig nahm sie ihn an sich. Warum konnte der Mann nicht einen normalen Namen haben? Wie zum Beispiel Dietlinde Breitfurtner-Brandst\u00e4tter, das konnte sich jeder Depp merken.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Ablauf sieht also folgenderma\u00dfen aus\u201c, riss Besendorfer die Ministerin aus ihren Gedanken. \u201eZuerst werden Sie mit einigen Asylwerbern zusammenkommen, da sind die Asylwerber aber nur Staffage.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber keine Afghanen oder Marokkaner. Die kann ich nicht ausstehen.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nein, wir haben ein paar Frauen und Kinder aus Somalia, die sehen irgendwie niedlich aus, und ein paar Jugendliche aus dem Irak und aus Syrien.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie sollen mir halt nicht zu nahe kommen\u201c, sagte die Innenministerin. \u201eMan wei\u00df ja nie, was die f\u00fcr Krankheiten haben. Sie wissen schon: Zika, Cholera, Syphilis und wie das ganze Zeug hei\u00dft.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nein, nein, da passen wir schon auf\u201c, antwortete Besendorfer genervt. \u201eDas eigentliche Treffen mit Nkwongu und seinen beiden Kindern findet dann anschlie\u00dfend im Beisein ausgew\u00e4hlter Medienvertreter in der K\u00fcche statt.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In der K\u00fcche?\u201c, fragte die Ministerin erschrocken. \u201eWarum ausgerechnet in der K\u00fcche?\u201c Ihr schwante \u00dcbles.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Na ja, Nkwongu m\u00f6chte unbedingt eine nigerianische Spezialit\u00e4t f\u00fcr Sie zubereiten. Das bringt noch ein paar zus\u00e4tzliche Pluspunkte. Vergessen Sie nicht, dass die Leute ganz verr\u00fcckt sind nach Kochshows.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Um Gottes willen, muss ich das Zeug auch essen?\u201c Der Innenministerin wurde jetzt schon schlecht, wenn sie daran dachte, dass sie die Leibspeise eines nigerianischen Asylwerbers essen musste. Und das wom\u00f6glich auch noch vor laufenden Kameras. Sie bevorzugte \u00f6sterreichische Hausmannskost und hielt nicht viel von kulinarischen Experimenten. Okay, ab und zu a\u00df sie eine Pizza oder einen D\u00f6ner Kebab, aber das war\u2018s dann auch schon wieder. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Was kocht er denn, dieser \u2013\u201c Sie sah auf den Zettel. \u201eChi-ma-manda Nkwongu.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ein traditionelles Eintopfgericht aus Nigeria. Es nennt sich Egusi-Soup, ist aber keine Suppe im herk\u00f6mmlichen Sinn.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aha.\u201c Die Ministerin warf ihrem Pressereferenten einen skeptischen Blick zu. \u201eUnd wann sind wir mit dem ganzen Tamtam dort fertig? Vergessen Sie nicht, dass ich um zwanzig Uhr beim Prix in Weyregg sein muss.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Besendorfer verzog das Gesicht. Dass die Ministerin in der Villa des Investors Prix zum Abendessen eingeladen war, w\u00e4hrend er mit dem Zug nach Wien zur\u00fcckfahren musste, kr\u00e4nkte ihn zutiefst. \u201eDas geht sich alles aus, keine Angst\u201c, murmelte er kurz angebunden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Anikulapo, komm her, und hilf mir beim Zwiebelschneiden.\u201c Chimamanda Nkwongu sah auf die alte Uhr, die an der vergilbten Tapetenwand hing. \u201eIn zwei Stunden m\u00fcssen wir fertig sein.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Junge war gerade dabei, sein Hemd zuzukn\u00f6pfen, das er von der Leiterin des Asylantenheims bekommen hatte. Seine Schwester Ayesha stand vor der Fensterscheibe, die sie als Spiegel benutzte, und flocht sich Z\u00f6pfchen. \u201eEm nau\u201c, sagte der Junge und ging zum Tisch. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, damit er das Schneidbrett \u00fcberhaupt erreichen konnte. Wenn sie unter sich waren, unterhielt sich Chimamanda Nkwongu mit seinen Kindern auf Kanuri. Es war die Sprache der gleichnamigen Volksgruppe, der sie angeh\u00f6rten. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Auf dem Tisch lagen die Zutaten f\u00fcr die Egusi-Soup, die Nkwongu mit einem zufriedenen L\u00e4cheln betrachtete. Er hatte lange \u00fcberlegt, durch welches Tier er die Buschratte ersetzen sollte, und war schlie\u00dflich auf die Bisamratte gesto\u00dfen. Bei seinen illegalen Angelausfl\u00fcgen an der Ager hatte er diese Tiere oft gesehen und da er ein ge\u00fcbter J\u00e4ger war, war es f\u00fcr ihn ein Leichtes gewesen, diese Ratten zu erlegen. Und wenn man ihn fragte, welches Fleisch er f\u00fcr die Egusi-Soup verwendete, w\u00fcrde er sagen: Ziegenfleisch, Rindfleisch und Gefl\u00fcgel. Aufgrund der vielen Zutaten wie Reis, Erbsen, Tomaten, Paprika, Mais oder Yamswurzeln w\u00fcrde kein Mensch auf die Idee kommen, dass sich in der Egusi-Soup auch das Fleisch von drei Bisamratten befand. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Als er die getrockneten Melonenkerne in den Topf gab, begann Ayesha pl\u00f6tzlich zu weinen. Sie setzte sich auf den Boden und verbarg ihr Gesicht in den H\u00e4nden. \u201eWas ist denn los?\u201c, fragte Nkwongu, obwohl er die Antwort l\u00e4ngst kannte.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wegen Mama\u201c, schluchzte das M\u00e4dchen. \u201eSie hat ja immer die Melonenkerne in die Suppe getan.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nkwongu seufzte und hob das M\u00e4dchen auf.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wo ist die Mama jetzt?\u201c, fragte Ayesha mit tr\u00e4nenerstickter Stimme. \u201eDu hast gesagt, dass sie bald zu uns kommen wird.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Anikulapo stand am Herd und beobachtete die Szene aufmerksam. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nkwongus Herz schn\u00fcrte sich zusammen, als er seine beiden Kinder ansah. \u201eSie ist noch zu Hause, aber ich verspreche euch, dass wir sie bald wieder sehen werden.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wann?\u201c, fragte Ayesha trotzig.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Noch bevor Nkwongu etwas sagen konnte, betrat die Leiterin des Asylantenheims, Barbara Grobelnik, die K\u00fcche. \u201eWie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?\u201c Nerv\u00f6s zupfte sie an ihrer frisch geb\u00fcgelten Bluse. Sie hoffte inst\u00e4ndig, dass die Innenministerin keine Vegetarierin war. Aber das h\u00e4tte ihr Besendorfer sicherlich gesagt. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Chimamanda Nkwongu deutete auf den Topf. \u201eEs alles gut\u201c, sagte er in seinem kaum verst\u00e4ndlichen Deutsch. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Franziska Grobelnik fand, dass die Suppe gar nicht so schlecht roch. Sie warf Ayesha einen besorgten Blick zu. \u201eDas M\u00e4dchen soll lachen, wenn die Ministerin kommt, nicht weinen.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nicht Problem\u201c, antwortete Nkwongu und strich seiner Tochter \u00fcber die Z\u00f6pfe. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nachdem Barbara Grobelnik die K\u00fcche verlassen hatte, setzte sich Nkwongu an den Tisch. Mit dem Finger fuhr er die W\u00f6rter entlang, die ihm ein Landsmann auf einen Zettel geschrieben hatte: <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Allein essen ist wie allein sterben. <\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Immer wieder las er dieses nigerianische Sprichwort laut vor und versuchte, es sich zu merken. Aber es fiel ihm schwer. Zur Not w\u00fcrde er den Zettel zur Hand nehmen, wenn die Ministerin mit ihm und seinen Kindern Egusi-Soup a\u00df. Anikulapo und Ayesha standen neben ihm und sahen ihn erwartungsvoll an. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Er hatte seinem Sohn den Namen Anikulapo gegeben, weil er ein gro\u00dfer Bewunderer des nigerianischen Musikers Fela Anikulapo Kuti war. Wenn er daran dachte, wie er zu Hause in Zaghawa gemeinsam mit seiner Frau Boulama diese Musik geh\u00f6rt hatte, wurde er so traurig, dass er fast zu weinen begonnen h\u00e4tte. Aber Nkwongu wusste, dass er stark sein musste. Er griff nach seinem Amulett, das an einem Lederband um seinen Hals hing, und dachte nach. In dem Beutel, den er wie seinen Augapfel h\u00fctete, befanden sich die Pfote einer Rotmeerkatze, getrocknete Bambara-Erdn\u00fcsse, ein St\u00fcck Schlangenhaut, Yam-Bohnen und zwei Krallen eines Flughundes. Nkwongu legte den Beutel auf den Tisch und holte die Krallen des Flughundes hervor. Er schloss die Augen und murmelte eine Beschw\u00f6rungsformel. Wenn es ihm gel\u00e4nge, die magische Kraft des Flughundes auf sich zu \u00fcbertragen, dann w\u00fcrde er wom\u00f6glich in der Lage sein, jene b\u00f6sen Geister zu vertreiben, die ihn und seine Kinder seit ihrer Flucht aus der Heimat so sehr qu\u00e4lten. Alles, was er tun musste, war, die Krallen des Flughundes in der Egusi-Soup mitzukochen, um sich auf diese Weise die Kraft dieses geheimnisumwitterten Tiers einzuverleiben. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Was Nkwongu nicht wusste, war, dass sich auf den Krallen des Flughundes noch getrocknete Fleischreste befanden, in denen Millionen von Ebola-Viren nur darauf warteten, endlich zum Leben erweckt zu werden.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Als der Dienstwagen der Innenministerin auf den Parkplatz des Asylantenheims in Pichlwang einbog, bereute sie endg\u00fcltig, dass sie dem Vorschlag ihres Pressereferenten gefolgt war. Auf dem Gehsteig standen n\u00e4mlich ein paar M\u00e4nner, die neben einem FP\u00d6-Plakat Flugbl\u00e4tter verteilten. Der Bezirksparteiobmann der FP\u00d6, Tassilo Reichberger \u2013 von Freunden auch gerne Heim-ins-Reich-Berger genannt \u2013 zeigte seinen fetten Bierbauch, auf dem der Wahlspruch der SS <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Meine Ehre hei\u00dft Treue<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> eint\u00e4towiert war. Von den knapp zweihundert Asylwerbern, die im ehemaligen Gasthof <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Teuflmayer<\/i><\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> untergebracht waren, beobachteten etwa f\u00fcnfzig die Szene. Einige standen in Gruppen beisammen und versuchten, den Text des Flugblatts zu lesen. Obwohl viele der Asylwerber einen Deutschkurs besucht hatten, taten sie sich mit dem Entziffern des Flugblatts schwer: <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Wir haben zuviele Ausl\u00e4nder im Bezirk!<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Auch wenn es einige noch immer nicht wahr haben wollen, aber die Ausl\u00e4nder machen nur Probleme und anstatt sie hier ins Gef\u00e4ngnis zu stecken, sollte man sie sofort abschieben! <\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Einmal wollten ein paar Einheimische in Weibern in eine neu er\u00f6ffnete disco gehen. An der Kassa haben sie noch kassiert und dann dachten sie sich schon, dass es hier so komisch riecht, nur Ausl\u00e4nder. Als sie eine Runde drehten, schrien schon die ersten: \u201eRaus, ihr schei\u00df \u00f6sterreicher!\u201c<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Oder in St. Georgen im Attergau, wo die Fl\u00fcchtlinge \u00fcberall einbrechen gehen. Die Chinesen grapschen die \u201eSchlecker\u201c-Verk\u00e4uferinnen an u.s.w.<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>In Pichlwang nimmt der Teuflmayer die fl\u00fcchtlinge von afrika ja auch nur auf, weil er vom Staat daf\u00fcr Geld bekommt. Oder in Lenzing das Waldcafe, wo die Fl\u00fcchtlinge den ganzen Tag faul auf der Bierbank sitzen und nur durch die Luft schauen. Kriegen alles zugesteckt, Essen, kleidung, unterkunft &#8230; Das alleine im Bezirk V\u00f6cklabruck! <\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Aber man darf ja nichts sagen, weil es sind ja sooo arme Ausl\u00e4nder. Dabei k\u00f6nnte man die notgeilen Muslime ja auch kastrieren. Wir von der FP\u00d6 sagen es ganz offen: Pichlwang darf nicht K\u00f6ln werden! <\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Und in Wien, Frau Minister, ist es besonders schlimm. Am Naschmarkt, nur Inder! Man k\u00f6nnte noch mehr erz\u00e4hlen, z. b. von einer 48-j\u00e4hrigen Attnangerin, die einen Neger nur geheiratet hat, damit er hier bleiben kann. Die beiden haben dann ihren Nachbarn das Leben zur H\u00f6lle gemacht, nur weil die Nachbarn zwei Pitbulls hatten!<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Wir haben einfach zuviele Ausl\u00e4nder im Bezirk. <\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nat\u00fcrlich hatten sich die Fernsehleute und Fotografen so postiert, dass sie das Zusammentreffen der Innenministerin mit den Flugblattverteilern optimal ins Bild bekamen. Und die Asylwerber im Hintergrund waren die perfekten Statisten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und, was jetzt?\u201c, fragte Dietlinde Breitfurtner-Brandst\u00e4tter.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Magister Besendorfer \u00fcberlegte fieberhaft. \u201eAm wichtigsten ist, dass Sie immer l\u00e4cheln. Nehmen Sie ein Flugblatt zur Hand und sagen Sie, dass sie es sich gerne durchlesen werden, sich jetzt aber um wichtigere Angelegenheiten k\u00fcmmern m\u00fcssen. Betonen Sie, dass es Ihnen um die Menschen geht, und dass Sie nicht hergekommen sind, um ein Flugblatt zu lesen.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Mir bleibt auch nichts erspart.\u201c Mit einem breit aufgesetzten L\u00e4cheln \u00f6ffnete die Innenministerin die Autot\u00fcr.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dass in der Zwischenzeit die Egusi-Soup zu k\u00f6cheln begonnen hatte, konnte die Ministerin nat\u00fcrlich nicht wissen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Helvetica,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Erschienen in der Anthologie \u201eFluchtwege\u201c, hrsg. von Eva Rossmann und Susanne Scholl, Czernin Verlag, Wien 2016<\/span><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<\/div><\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=298"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":856,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions\/856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}