{"id":973,"date":"2017-02-07T16:24:26","date_gmt":"2017-02-07T15:24:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/?p=973"},"modified":"2017-03-18T13:44:56","modified_gmt":"2017-03-18T12:44:56","slug":"jetzt-rauchts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palmfiction.net\/blog\/jetzt-rauchts\/","title":{"rendered":"Jetzt raucht&#8217;s"},"content":{"rendered":"<p>Wir stehen am Stra\u00dfenrand im Schatten einer Palme und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Der Asphalt dampft, es hat \u00fcber drei\u00dfig Grad und die Luftfeuchtigkeit betr\u00e4gt gef\u00fchlte neunzig Prozent. Die schwarzen Wolken, die f\u00fcr den kurzen, aber heftigen, Regen verantwortlich waren, sind Richtung Krakatau abgezogen. Ein schm\u00e4chtiger Becak-Fahrer h\u00e4lt an und m\u00f6chte uns mit seinem bunt geschm\u00fcckten Fahrradtaxi unbedingt zum Markt nach Carita chauffieren. Wir lehnen dankend ab, weil wir uns nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass der Mann die sieben Kilometer lange Strecke mit uns als Fracht \u00fcberhaupt schafft.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter stoppt ein Sammeltaxi. Es tr\u00e4gt den flotten Namen \u201eWolf on Street\u201c und w\u00e4re bei uns l\u00e4ngst auf dem Autofriedhof gelandet. Dort, wo einmal eine Schiebet\u00fcr war, ist jetzt ein Loch, und in der Fahrerkabine ragt anstelle eines Ganghebels eine Eisenstange aus dem rostigen Boden. Trotzdem zw\u00e4ngen wir uns in den bereits voll besetzten Laderaum des winzigen Isuzu, wo wir zwischen einem H\u00fchnerk\u00e4fig und einer Bananenstaude Platz finden. F\u00fcr zwei Personen zahle ich 10.000 Indonesische Rupiah (ca. 70 Cent). Der Fahrer steckt den Schein in ein vollgestopftes Plastiksackerl, das an einem losen Draht aus dem Armaturenbrett heraush\u00e4ngt. Angst, dass ihm jemand sein Geld stehlen k\u00f6nnte, scheint er nicht zu haben. Der Fahrer, er hei\u00dft Manik, lacht \u00fcber das ganze Gesicht und freut sich, dass in seine Klapperkiste endlich einmal auch Touristen eingestiegen sind.<br \/>\nDie Stra\u00dfe ist eng und un\u00fcbersichtlich, aber Manik kennt sich hier aus und weicht den Schlagl\u00f6chern ebenso geschickt aus wie den entgegenkommenden Becak- und Motorradfahrern. Einmal werden wir von einem Moped \u00fcberholt, auf dem eine vierk\u00f6pfige Familie eine lebende Ziege transportiert.<br \/>\nUns gegen\u00fcber sitzen drei Buben in Schuluniform, von denen jeder eine Taube in der Hand h\u00e4lt. Die Sch\u00fcler starren uns an und nachdem sie ein paar Worte in ihrem sundanesischen Dialekt gewechselt haben, rafft sich der \u00c4ltere von ihnen auf, und sagt: \u201eHello Mister.\u201c Obwohl meine Frau einen Schal als Kopfbedeckung tr\u00e4gt, wird sie von ihm demonstrativ ignoriert. Die Erwachsenen nicken anerkennend und lachen. Da es in der Gegend um Sambolo kaum Touristen gibt, sind dieses Mal wir die Exoten, die entsprechend bestaunt werden. Ich deute auf die Tauben und f\u00fchre eine Hand zum Mund, aber die Sch\u00fcler geben mir durch energisches Kopfsch\u00fctteln zu verstehen, dass die Tauben nicht gegessen werden. Was sie mit den Tauben vorhaben, finde ich nicht heraus.<br \/>\nAls wir aussteigen, str\u00f6mt uns sofort der s\u00fc\u00dflich-faulige Geruch der Durian-Frucht entgegen, der \u2013 vornehm ausgedr\u00fcckt \u2013 an einen reifen franz\u00f6sischen K\u00e4se erinnert. Oder an ungewaschene Socken. Kein Wunder, dass der Verzehr der Durian-Frucht in vielen Hotels und \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden verboten ist. F\u00fcr unsere Nasen ist es ein extrem unangenehmer Geruch, aber f\u00fcr die Menschen hier ist die Durian-Frucht die K\u00f6nigin aller Fr\u00fcchte. Angeblich schmeckt sie wie der Himmel, auch wenn sie wie die H\u00f6lle stinkt. Aber wir sind standhaft und kaufen stattdessen ein Kilo Litschi, f\u00fcr das wir umgerechnet einen Euro bezahlen.<br \/>\nAuf dem Pasar Carita gibt es alles, was man zum t\u00e4glichen Leben braucht: Obst, Gem\u00fcse, Fisch, H\u00fchner, Kleidung, Werkzeug, Kohle und nat\u00fcrlich Bensin. In den warungs, einer Mischung aus Imbissstand und Gemischtwarenladen, wird das Bensin in Limonadenflaschen oder auf Wunsch auch in Plastiksackerln abgef\u00fcllt. Die Fischer, deren Boote in der Lagune von Carita liegen, machen von diesem Angebot ebenso reichlich Gebrauch wie die zahllosen Moped- und Motorradfahrer.<br \/>\nUm Punkt zw\u00f6lf ruft der Muezzin der nahegelegenen Moschee zum Mittagsgebet, er tut das auf Arabisch. Nur, wenn vor einem Tsunami gewarnt wird, erfolgen die Verlautbarungen der Muezzine im sundanesischen Dialekt, der in der Provinz Banten in West-Java gesprochen wird. Da es auf Java in jedem Ort, in dem mehr als vierzig erwachsene M\u00e4nner leben, eine Moschee gibt, funktioniert das Tsunamiwarnsystem jetzt besser als im Dezember 2004.<br \/>\nAuf Java wird \u2013 im Gegensatz zu Sumatra \u2013 eine gem\u00e4\u00dfigte Form des Islam praktiziert. Nur wenige Frauen sind hier in einen Tschador oder einen Niqab geh\u00fcllt und viele tragen nicht einmal ein Kopftuch. Und auch wenn in der Provinz Banten ein striktes Alkoholverbot herrscht, bekommt man unter der Hand sehr wohl Bier und Wein. Daf\u00fcr muss man allerdings tief in die Tasche greifen. Eine Flasche Bintang-Bier kostet drei Euro und f\u00fcr eine Flasche Wein muss man zwischen drei\u00dfig und f\u00fcnfzig Euro bezahlen. Der gepanschte Alkohol ist zwar billiger, daf\u00fcr aber auch lebensgef\u00e4hrlicher. Skurril mutet es da an, dass in einigen Superm\u00e4rkten alkoholfreier Bintang-Radler verkauft wird.<br \/>\nWir spazieren die Verkaufsst\u00e4nde entlang, zwischen denen Rauchwolken aufsteigen, die von verbrannten Abf\u00e4llen stammen. Der restliche M\u00fcll wird im Stra\u00dfengraben, im Dschungel oder im n\u00e4chstgelegenen Fluss entsorgt. Aber so verdreckt kann ein Rinnsal gar nicht sein, dass nicht ein paar Buben mit ihren selbst gebastelten Angeln ihr Gl\u00fcck versuchen w\u00fcrden. Falls es in diesen Gew\u00e4ssern tats\u00e4chlich Fische geben sollte, m\u00fcssen es besonders widerstandsf\u00e4hige Exemplare sein.<br \/>\nEine H\u00e4ndlerin bietet zum Gl\u00fcck frische Meeresfische an. Sie werden \u00fcber dem offenen Feuer gebraten und schmecken hervorragend. Neben dem obligaten nasi goreng, dem gebratenen Reis, werden dazu Gem\u00fcse und eine Kokosnuss serviert. Das Ganze kostet f\u00fcnf Euro \u2013 f\u00fcr zwei Personen. Unter dem Tisch wartet bereits eine abgemagerte Katze auf die Essensreste, allerdings sind die H\u00fchner schneller und die Katze hat das Nachsehen.<br \/>\nNach dem mitt\u00e4glichen Dsuhr-Gebet treffen wir Juhadi, der uns seit unserer Ankunft in Sambolo nicht nur mit Bintang-Bier, sondern auch mit guten Tipps versorgt. Juhadi hat ein Boot f\u00fcr die \u00dcberfahrt zur Vulkaninsel Anak Krakatau organisiert. Am Strand treffen wir Hams\u00fcn und Jalal, die bereit w\u00e4ren, uns am n\u00e4chsten Tag mit dem Motorboot f\u00fcr drei Millionen Indonesische Rupiah zu der Insel zu bringen. Das sind zwar 210 Euro, aber da die Wettervorhersage gut ist und wir unbedingt den Anak Krakatau besuchen wollen, stimmen wir zu.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen herrscht ein ziemlich hoher Wellengang, aber wir tun so, als w\u00fcrde uns das nichts ausmachen. Dass die beiden 40-PS-Motoren w\u00e4hrend der \u00dcberfahrt mehrmals abgeschaltet werden m\u00fcssen, weil sich Plastikm\u00fcll in den Schiffsschrauben verfangen hat, ist nur f\u00fcr uns beunruhigend. F\u00fcr Hams\u00fcn und Jalal ist das reine Routine. Zwei Stunden lang werden wir ordentlich durchgesch\u00fcttelt, aber sobald wir unser Ziel erreicht haben, sind alle Unannehmlichkeiten vergessen.<br \/>\nAuf der Insel Anak Krakatau sind wir an diesem Vormittag die einzigen Besucher, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der Vulkan immer noch aktiv ist. Tats\u00e4chlich sehen wir aus seinem Krater Schwefeld\u00e4mpfe aufsteigen. Die Insel Anak Krakatau besteht aus schwarzem Lavagestein, nur ab und zu findet man gelbe Schwefelbrocken. Trotz der kargen Vegetation gibt es hier neben Schlangen und Echsen auch Warane, von denen uns zwei stattliche Exemplare \u00fcber den Weg laufen.<br \/>\nAls der Krakatau am 27. August 1883 ausbrach, bedeutete das gleichzeitig die Zerst\u00f6rung des alten Vulkans. Die gigantische Eruption hatte eine vierzig Meter hohe Tsunamiwelle zur Folge, die 165 D\u00f6rfer und St\u00e4dte zerst\u00f6rte und mehr als 36.000 Menschen in den Tod riss. 1927 erfolgte dann die \u201eWiedergeburt\u201c des Krakatau: Nach einer Serie heftiger Eruptionen tauchte Anak Krakatau, \u201edas Kind des Krakatau\u201c, aus dem Meer auf.<br \/>\nDer Anblick des Kraters von Anak Krakatau mit den austretenden Schwefeld\u00e4mpfen ist imposant, aber auch ziemlich furchteinfl\u00f6\u00dfend. Eine Stunde sp\u00e4ter sitzen wir wieder im Boot und sind froh, als uns Hams\u00fcn und Jalal sicher am Strand von Sambolo absetzen. Wir laden die beiden und Juhadi auf einen Bintang-Radler ein, und sto\u00dfen auf den Anak Krakatau an, dessen Silhouette weit drau\u00dfen am Horizont schemenhaft zu erkennen ist.<br \/>\n<em>Der Standard (RONDO), 27. J\u00e4nner 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir stehen am Stra\u00dfenrand im Schatten einer Palme und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Der Asphalt dampft, es hat \u00fcber drei\u00dfig Grad und die Luftfeuchtigkeit betr\u00e4gt gef\u00fchlte neunzig Prozent. Die schwarzen Wolken, die f\u00fcr den kurzen, aber heftigen, Regen verantwortlich waren, sind Richtung Krakatau abgezogen. 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