Karl Marx und der Zwölfstundentag

Im Zuge der Nationalratsdebatte zur Verlängerung der Arbeitszeit hat Sozialministerin Beate Hartinger-Klein von der FPÖ versucht, dieses Gesetz mit einem Zitat von Karl Marx zu verteidigen: „Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann“. Und die Ministerin fügte hinzu: „Mit der nun vorliegenden Arbeitszeitregelung ist diese Freiheit für jedermann und jederfrau möglich.“
Dass die FPÖ in ihrer von Demagogie geprägten Politik vor keiner Lüge zurückschreckt, ist allgemein bekannt. So gesehen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine FPÖ-Ministerin ausgerechnet Marx einen Satz in den Mund legt, den dieser nie gesagt oder geschrieben hat. Urheber dieses Zitats ist vielmehr der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der von Marxens Weltanschauung ungefähr so weit entfernt ist wie Hartinger-Klein, Strache oder Kickl.
Dass FPÖ-Politiker Marx lesen, kann man nicht erwarten, weil die Lektüre von Marx ein Mindestmaß an intellektuellen Fähigkeiten voraussetzt. Aber gesetzt den Fall, sie würden sich tatsächlich die Mühe machen, Marx zu studieren, dann würden sie z. B. im „Kapital“ dutzende Passagen finden, in denen sich Marx ausführlich mit der Frage der Arbeitszeit beschäftigt.
Im „Kapital“ prangert Marx tägliche Arbeitszeiten von 10 bis 16 Stunden auf das schärfste an, und bezeichnet dieses System als ein „System unbeschränkter Sklaverei in sozialer, physischer, moralischer und intellektueller Beziehung.“ Marx kritisiert, dass eine Arbeitszeit von mehr als acht Stunden täglich den individuellen Arbeiter „in einen Teilmenschen verstümmelt und seine Lebenszeit in Arbeitszeit verwandelt.“
Gleichzeitig schreibt Marx im „Kapital“ aber auch, dass für das Kapital die Länge eines Arbeitstags „von sehr elastischer Natur ist und den größten Spielraum erlaubt. So finden wir Arbeitstage von 8, 10, 12, 14, 16 oder 18 Stunden.“ Im Klartext heißt das, und darüber sollte sich niemand Illusionen machen, dass der Zwölfstundentag nicht das Ende der Angriffe des Kapitals auf die Lohnabhängigen ist, sondern erst der Anfang.
Im Zusammenhang mit dem „Trieb des Kapitals nach Verlängerung des Arbeitstages“ schreibt Marx nicht umsonst vom „Werwolfsheißhunger des Kapitals, dessen einziger Lebenstrieb es ist, Mehrwert zu schaffen und die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen“. Und weiter schreibt er: „Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“
Der erste Band des „Kapitals“ ist 1867 zu einem Zeitpunkt erschienen, als der Kampf der internationalen Arbeiterklasse um den Acht-Stunden-Tag einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. In England, in den USA, in Australien und vielen europäischen Ländern gingen Millionen Menschen auf die Straße, um unter der Losung: „Acht Stunden Arbeit – acht Stunden Schlaf – acht Stunden Freizeit und Erholung“, für den Acht-Stunden-Tag zu demonstrieren. Es kam zu gewaltigen Streikaktionen, die mittelfristig auch zu Verbesserungen der Arbeitssituation der Lohnabhängigen führten. In Großbritannien beispielsweise war der Zehn-Stunden-Tag bereits 1848 gesetzlich festgeschrieben worden, was die Kapitalisten allerdings nicht daran hinderte, Kinder illegal bis zu 18 Stunden täglich arbeiten zu lassen.
Ob ein Mensch acht oder zwölf Stunden arbeitet, ist nicht egal. Warum das so ist, ist nachzulesen in der Schrift „Die heilige Familie“ von Karl Marx und Friedrich Engels, und der folgende Satz sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die für das neue Arbeitszeitgesetz in Österreich verantwortlich sind:
„Von der Arbeitszeit hängt es ab, ob die Gesellschaft die Zeit hat, sich menschlich auszubilden.“

Der Standard, 14./15. Juli 2018

Come for a smiley and leave with a smile

300.000 Menschen leben in Katutura, dem größten Township von Namibias Hauptstadt Windhoek. Ein Bericht über die Transformation eines Ortes, an dem eigentlich niemand leben will.

„Meine Familie kam 1959 im Zuge der Zwangsumsiedlungen nach Katutura. Das war das Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich erinnere mich, dass es in den sechziger Jahren hier noch Antilopen gab und die Männer Kudus und Springböcke jagten, die dann am offenen Feuer gebraten wurden. Wir hatten damals ja weder Strom noch Fließwasser. Das Wasser holten wir uns vom Fluss, den es auch längst nicht mehr gibt.“
Rosa Namesis sitzt in der Küche ihres Häuschens in Golgotha in Katutura, in dem sie mit ihren elf Geschwistern aufgewachsen ist. Heute leben anstelle ihrer Geschwister zehn Waisenkinder hier. 1999 hat sie das Dolam-Projekt gegründet und seither 195 Kindern ein neues Zuhause gegeben. Rosa Namesis gehört zur Volksgruppe der Damara, in deren Sprache Dolam soviel wie „kleines Lämpchen“ heißt. „Als Kinder haben wir uns in der Nacht an den kleinen Petroleumlämpchen orientiert, die in den Fenstern der Häuser und Hütten gestanden sind.“
Die Buben und Mädchen zwischen sechs und dreizehn Jahren, die mit uns am Tisch sitzen, kennen diese Geschichten bereits, und widmen sich wieder ihren Schulaufgaben. „Ich war damals Parlamentsabgeordnete des Congress of Democrats und war für soziale Angelegenheiten zuständig. Dabei musste ich mitansehen, wie die Institutionen von der Bürokratie geradezu gelähmt wurden. Also habe ich die Initiative ergriffen und das Dolam- Projekt ins Leben gerufen. Und da die Probleme nicht kleiner werden, bauen wir gerade ein neues Haus, in dem bis zu dreißig Kinder Platz finden werden.“
Rosa Namesis ist eine faszinierende Frau, die mit ihren grauen, bis zur Hüfte reichenden Rasta-Zöpfen, dem bunten Hemd und der Schlaghose trotz ihrer sechzig Jahre in jeder Reggae-Band spielen könnte. Es ist also sicher kein Zufall, dass auf der Wand des Waisenhauses ein Zitat von Bob Marley steht: „Emancipate yourself from mental slavery.“ Als kleines Gastgeschenk überreichen wir Rosa Namesis einen Sack Maismehl, das die Kinder zum Brotbacken und zur Zubereitung des namibischen Nationalgerichts Milipap verwenden können. Dieser feste Maisbrei wird entweder mit Fleisch, Gemüse oder nur mit Soße als Beilage serviert.
Justine, die das Treffen im Dolam-Haus organisiert hat, ist von Rosa Namesis genauso begeistert wie wir, und da Justine an der Universität von Windhoek Psychologie studiert, weiß sie jetzt auch, wo sie ihr nächstes Praktikum machen wird.
Während wir uns auf den Weg zum „1959 Heroes and Heroines Memorial Grave“ machen, informiert uns Justine über die Geschichte von Katutura. In der Sprache der Herero heißt Katutura „Der Ort, an dem wir nicht leben möchten“. Entstanden ist Katutura 1959, nachdem die Stadtverwaltung von Windhoek und die Südafrikanischen Besatzungsbehörden beschlossen hatten, die Stadt von den Schwarzen und Farbigen zu säubern. Die Zwangsumsiedlungen erfolgten gemäß den Apartheidsgesetzen nach ethnischer Zugehörigkeit, weshalb es immer noch Viertel gibt, in denen hauptsächlich Herero, Oshivambo, Damara oder Nama wohnen. Heute leben in Katutura rund 300.000 Menschen, das sind fast 15 % der Gesamtbevölkerung Namibias.
Daniel, unser Fahrer, ist einer dieser Bewohner, allerdings lebt er nicht in Wanaheda, Goreangab oder Okuryangava, sondern in Havana, einem von mehreren „informal settlements“ in Katutura. Daniel ist Oshivambo und stammt aus dem Norden Namibias. Mit zwei seiner Brüder kam er nach Windhoek, um hier Arbeit zu suchen. Nun leben die drei illegal in einer Wellblechhütte in Havana und müssen jeden Tag damit rechnen, dass die Bagger auch ihre Hütte schleifen. „Das Hauptproblem ist, dass wir kein Fließwasser haben und auch keine Toiletten. Kürzlich ist aufgrund des verschmutzten Wassers wieder einmal eine Hepatitis-Epidemie ausgebrochen.“
Meine Frau und ich hören schweigend zu, während wir an einer öffentlichen Wasserstelle vorbeifahren, vor der sich eine lange Menschenschlange gebildet hat. „Das Wasser, das man hier gegen einen Voucher bekommt, ist sauber“, erklärt Daniel, „allerdings muss man für diesen Voucher zahlen, was sich viele nicht leisten können. Aber die Menschen in Katutura sind erfindungsreich und lassen sich nicht so leicht unterkriegen.“
Ein Blick aus dem Autofenster bestätigt Daniels Worte: Überall werden Geschäfte gemacht. Frauen verkaufen auf dem Gehsteig Gemüse, junge Männer schneiden in einem Zelt die Haare, in einem Container werden Mobiltelefone repariert und in einem windschiefen Bretterverschlag mit der Aufschrift „We cut your meat“ wird auf einem Holztisch Fleisch zerkleinert.
Justine zeigt auf ein paar aufgereihte Ziegenköpfe und fragt uns, ob wir das Gericht „Smiley“ kennen würden. Nachdem wir verneinen, nennt sie Daniel eine bestimmte Adresse und nach einer viertel Stunde halten wir in Luxury Hill vor dem Township- Restaurant „Otjikaendu Dan“. „Hier gibt es das beste ‚Smiley‘ von ganz Katutura“, behauptet Justine. Die Besitzerin des Restaurants, Melba Tjahere, führt uns gleich einmal in den Hinterhof, wo auf einem riesigen Griller mindestens zwanzig Ziegenköpfe liegen, deren Fell und Haut hier abgebrannt werden. Jetzt wird auch klar, weshalb dieses Gericht „Smiley“ heißt: Durch die Hitze schrumpfen die Lippen der Ziegen und die Tiere sehen tatsächlich so aus, als würden sie lachen. Anschließend werden die Köpfe in einem runden, gusseisernen Kessel, einem sogenannten „Bush Baby“, gekocht. Serviert wird „Smiley“ mit Milipap und trotz des makabren Namens schmeckt das Gericht besser, als man vermuten würde. „Come for a smiley and leave with a smile“, sagt Melba Tjahere lachend, als wir uns von ihr verabschieden.
Bevor wir die Gedenkstätte für die „Märtyrer der namibischen Revolution“ besuchen, machen wir noch einen Abstecher in die Eveline Street, der berühmt-berüchtigten Vergnügungsmeile von Katutura. 63 Bars und Shebeens reihen sich hier aneinander, und auch wenn sie so klingende Namen wie „Mafia Bar“, „Fire Abuse Bar“ oder „Old Trafford Nr. 2“ tragen, verfügen die meisten von ihnen über keine Lizenz. Als ich Daniel frage, ob er schon einmal hier war, schüttelt er den Kopf. „Selbst als Bewohner des Townships verliert man in der Eveline Street nachts schnell einmal seine Geldtasche oder sein Mobiltelefon“, umschreibt er vornehm seine Vorbehalte gegen diese Straße.
Wenig später machen wir halt beim „1959 Heroes and Heroines Memorial Grave“. Hier liegen in einem Massengrab jene Frauen und Männer begraben, die im Dezember 1959 bei den Protesten gegen die Zwangsumsiedlungen ums Leben kamen. Unter ihnen befindet sich auch Rosa Mungunda, die die Proteste angeführt hat.
Am Parkplatz der Gedenkstätte werden wir von einem etwa fünfzigjährigen Schwarzen angesprochen, der sich als Paul vorstellt und uns in perfektem Berlinerisch um eine Spende für eine Ausstellung über die Geschichte der Namibia-Kinder in der DDR bittet. Auf unsere Frage, was es mit diesen Kindern auf sich hat, berichtet Paul, dass er eines von etwa 400 Kindern war, die während des Bürgerkriegs in Namibia aus den Flüchtlingslagern der SWAPO in Angola und Sambia in die DDR gebracht und dort ausgebildet wurden. „Ich habe von 1979 bis zur Unabhängigkeit Namibias 1990 in der DDR gelebt und für mich als Oshivambo war das natürlich ein Kulturschock, aber immerhin habe ich eine solide Ausbildung genossen, auch wenn mir das nach meiner Rückkehr nicht viel genützt hat.“ Heute lebt Paul als Musiker und Autowäscher in Katutura und organisiert regelmäßig Treffen mit anderen „DDR-Kindern“.
Die letzte Station auf unserer Tour durch Katutura ist die Mandume Primary School, die 1959 erbaut wurde und in der heute 840 Kinder von fünf bis dreizehn Jahren unterrichtet werden. Nicht ohne Stolz erzählt der Direktor, Robert Dishena, dass der Unterricht in drei Sprachen erfolgt. Neben Englisch und Afrikaans werden die Kinder auch in der Sprache der Volksgruppe unterrichtet, der sie angehören. „Das ist wichtig für ihre Identität“, erklärt Robert Dishena. „Sämtliche Kinder an unserer Schule kommen aus Katutura und unsere Aufgabe ist es, sie zu selbstbewussten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, die stolz auf ihre Herkunft sind. Das bedeutet auch, dass wir aus Katutura einen Ort machen, an dem wir gerne leben, auch wenn sein Name eigentlich etwas anderes bedeutet.“

Die Presse, 16./17. Juni 2018

Klopfgeräusche

So kann es nicht mehr weitergehen. Zuviel ist passiert in letzter Zeit. Aber zuvor wird noch reiner Tisch gemacht. Tabula rasa. Jetzt schon wieder. Irgendwo im Haus bohrt jemand ein Loch in eine Wand. Wenn ich mich auf den Boden lege, kann ich es ganz deutlich hören. Das Bohrgeräusch kommt aus einer Wohnung unter mir. Aber es kann nicht die Wohnung direkt unter mir sein, weil die alte Frau ja ausgezogen ist. Na ja, eigentlich ist sie nicht ausgezogen, sondern nach einem Sturz ins Krankenhaus gekommen. Das Problem war, dass diese Frau fast taub war, und deshalb ihren Fernsehapparat immer auf volle Lautstärke gedreht hat. Außerdem hat sie einen Hund gehabt. So einen unglaublich fetten, grauen Dackel, der gestunken hat, dass einem schlecht geworden ist, wenn man ihm im Stiegenhaus begegnet ist. Dass er dann die mit Reißnägeln gespickte Knacker gefressen hat, dafür konnte ich nichts.

Das darf doch nicht wahr sein, da fängt jemand an, seine Wohnung zu renovieren. Letztes Jahr wäre ich fast verrückt geworden, als im Haus eine Wohnung renoviert wurde. Diese Bohrgeräusche, ein Wahnsinn, wie beim Zahnarzt, nur einen Ton tiefer. Oder sind es zwei Töne? Schrecklich.

Gurrt da irgendwo eine Taube? Die Tauben sind ein eigenes Kapitel für sich. Ich hasse diese Tiere. Und wie ich sie hasse. Was ist das? Ist das die Müllabfuhr? Nein, heute kommt ja gar keine Müllabfuhr. Selbstverständlich weiß ich ganz genau, wann die Müllabfuhr kommt. Und natürlich auch, wann die Altpapiercontainer abgeholt werden. Es klingt so, als würde jemand ein Absperrgitter über ein Kopfsteinpflaster schleifen. Ein fürchterliches Geräusch.

Jetzt gurrt wieder so eine verdammte Taube im Lichthof. Im Winter werde ich dieses Granulat ausstreuen, das mir dieser freundliche Herr von der Taubenabwehrfirma verkauft hat. Unter der Hand natürlich. Das Zeug wird mit altem Brot vermischt und innerhalb weniger Stunden krepieren diese verdammten Viecher an Unterkühlung. Das Mittel funktioniert aber nur, wenn es weniger als fünf Grad hat. Muss ich also noch ein paar Monate warten. Hoffentlich werde ich bis dahin nicht aus meiner Wohnung geworfen. Ich soll ja gepfändet werden, weil ich angeblich seit Monaten keine Miete mehr bezahle. Lächerlich. Einmal waren die Gerichtsvollzieher bereits bei mir. Da habe ich ihnen als Zuckerl eine alte elektrische Kaffeemühle überlassen, die ich um drei Euro auf einem Flohmarkt gekauft habe. Die Mühle hat gar nicht mehr funktioniert, aber das wussten diese Idioten natürlich nicht. Gekommen sind sie wegen dieser Rechnung für die Fliesen im Bad. Der Fliesenleger hat mich geklagt, weil ich seine Arbeit nicht bezahlt habe. Dabei war das gar nicht meine Schuld. Schuld war dieses Geräusch, das so klang, als wäre ein Abfluss verstopft. Oder als würde im Boden irgendein furzendes Ungeheuer hausen. Das war nicht zum Aushalten. Ich bin fast durchgedreht. Stundenlang bin ich auf dem Fliesenboden gelegen und habe gehorcht. Mein Ohr hat schon total weh getan. Es war schlimm. Irgendwann habe ich Angst bekommen. Nein, also nicht direkt Angst. Sagen wir so: Ich bin wütend geworden und habe mir den größten Hammer aus meinem Werkzeugkoffer geholt. Damit habe ich an der Stelle, wo ich das furzende Ungeheuer vermutet habe, die Fliesen zertrümmert. Ich musste ja schauen, was da los ist. Offenbar habe ich aber in meiner Wut so fest zugeschlagen, dass nicht nur die Fliesen zerbrochen sind, sondern auch das Abflussrohr. Das Dumme war, dass dann das Wasser durch die Decke in die Wohnung unter mir gesickert ist und es einen ziemlichen Ärger mit der Hausverwaltung gab. Alle waren plötzlich gegen mich. Die alte Frau, die ohnehin nichts gehört hat, und die Hausverwaltung, die mir seit drei Monaten mit der Zwangsräumung droht, weil ich angeblich mit der Miete im Rückstand bin. Dabei war das mit dem Wasserrohrbruch –. Was ist das? Jetzt knarren wieder diese Sesselleisten. Vielleicht wegen der Hitze. Ich habe mir da extra einen Silikonfugendichter gekauft, den ich oben bei den Leisten hineinschmiere, damit das Geräusch aufhört. Muss ich morgen gleich wieder nachdichten.

Dass das mit der Extrawurstsemmelverkäuferin nicht geklappt hat, ärgert mich immer noch. Bianca hat sie geheißen. Andererseits hätte sie ohnehin nicht zu mir gepasst, weil sie viel zu verklemmt war. Ein einziges Mal ist sie bei mir gewesen und da habe ich ihr dieses Gedicht vorgelesen, das ich für sie geschrieben habe. Daraufhin ist sie aufgestanden und gegangen. Oder sagen wir so: Sie wollte gehen, aber ich habe sie zurückhalten und an den Oberarmen gepackt. Sie hat zu schreien begonnen, da habe ich dann ein bisschen fester zugedrückt. Ich wollte ja nicht, dass irgendjemand im Haus etwas hört. Okay, einen kleinen Schubser habe ich ihr auch gegeben, aber passiert ist ihr nichts. Die Ohrfeige hat sie schließlich zur Besinnung gebracht. Dabei war das Gedicht sehr gut. Als einer, der in der Werbebranche tätig ist, kann ich das beurteilen. Da muss man ja auch literarisch versiert sein. Der Extrawurstsemmelverkäuferin hat das Gedicht aus unerfindlichen Gründen aber nicht gefallen. Sie hat nur den Kopf geschüttelt und ist aufgestanden. Na ja, eigentlich hat sie sich gar nicht hingesetzt gehabt. Sie ist in der Tür stehen geblieben und hat so komisch geschaut. Dann hat sie gefragt, weshalb ich soviele Schachteln im Zimmer habe. Blöde Frage. Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass ich da alles aufbewahre, was mir wichtig ist.

Moment, was raschelt da? Da raschelt doch etwas hinter einem der Kartons. Um Gottes willen, wenn das Mäuse sind, drehe ich durch. Vor Jahren habe ich einmal Mäuse in der Wohnung gehabt. Ich habe sofort bei der Hausverwaltung angerufen und mich darüber beschwert. Die Frau am Telefon hat aber nur gesagt, dass sie das zum ersten Mal hört, dass sie aber jemanden vorbeischicken wird. Ich habe das natürlich abgelehnt. In meine Wohnung kommt mir niemand von der Hausverwaltung. Auch sonst lasse ich niemanden herein. Außer eben Frauen wie Bianca. Ich habe mir dann ein paar Mausefallen gekauft, mit denen ich aber nur Wollmäuse gefangen habe. Riesige Wollmäuse. Im Laufe der Woche habe ich dann tatsächlich sechs echte Mäuse gefangen. Dann war Schluss. Wie die in meine Wohnung gekommen sind, weiß ich nicht. Mir ist das bis heute ein Rätsel.

Da, jetzt raschelt es wieder. Das darf doch nicht wahr sein. Ich muss ruhig bleiben, sonst bekomme ich noch einen Herzinfarkt. Oder kommt das Geräusch von wo anders? Womöglich haben sich im Fußboden irgendwelche Tiere eingenistet. Wie damals im Badezimmer. Obwohl ich da gar keine Tiere gefunden habe. Wenn ich in der Zwischendecke Tiere hätte, müsste ich sofort den Fußboden herausreißen und Nachschau halten. Ich werde mich auf den Fußboden legen und horchen. Allerdings muss ich aufpassen, dass ich nicht wieder eine Ohrenentzündung bekomme. Die HNO-Ärztin hat gemeint, dass da ein ganz komischer Dreck drinnen ist. Dann hat es zu allem Überfluss auch noch zu rauschen begonnen. Das war der absolute Wahnsinn. Ich wusste nicht mehr, ob es draußen rauscht oder ob ich meine eigene Blutzirkulation höre. Zum Glück hat mich die HNO-Ärztin auch ohne E-Card behandelt. Ich habe ja keine E-Card bekommen, weil diese Idioten von der Versicherung gemeint haben, ich hätte keinen richtigen Beruf. Dabei bin ich nachweislich in der Public-Relations-Branche tätig. Ich habe ihnen sogar meine Bestätigung von diesem Communications College in Hamburg gezeigt, bei dem ich einen Fernkurs belegt habe. Dafür habe ich siebenhundert Euro bezahlt. Aber der Trampel bei der Sozialversicherung hat nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass das kein Nachweis für die Ausübung eines Berufs sei. Wie gut, dass man in Wien nicht an jeder Straßenecke eine Schusswaffe kaufen kann, sonst wäre ich längst zum Massenmörder geworden. Bianca hätte ich aber nicht erschossen. Bei der hat es genügt, dass ich ihr eine runtergehauen habe. Es war keine feste Watsche, eher eine leichte. Glaube ich zumindest. Aber warum musste sie auch so ein Theater machen? Wo Bianca jetzt ist, würde mich schon interessieren.

Ich hoffe nur, dass die Wohnung über mir nicht gleich wieder vermietet wird. Wahrscheinlich wird das aber noch eine Zeitlang dauern, weil ja gar nicht klar ist, ob diese Japanerin nur vorübergehend weggefahren ist. Jedenfalls war das die Hölle. Da gibt es weltweit Millionen leere Wohnungen und dann muss diese Yumiko Kobayashi ausgerechnet in die Wohnung über mir einziehen. Kann mir das jemand erklären? Anfangs habe ich mir noch nicht viel dabei gedacht, obwohl mir gleich Übles schwante, wie ich den ersten Geigenton gehört habe. Viele Japanerinnen fahren ja nach Wien, um hier ein Instrument zu lernen. Weiß der Kuckuck, warum. Japan hat 127.264.438 Einwohner, aber scheinbar keine Geigenlehrer. Diese Yumiko Kobayashi hat also jeden Tag Geige gespielt. Nein, falsch. Sie hat Geige geübt. Und zwar tagelang das gleiche Stück. Das treibt einen natürlich in den Wahnsinn. Ich habe mich auf die Leiter gestellt und das Geigengekratze zum Beweis sogar aufgenommen. Ich habe da so ein altes Aufnahmegerät, mit dem ich jedes Geräusche aufnehme. Man kann ja nie wissen. Das Gurgeln im Boden des Badezimmers, das Gekläff der Hunde, das Geschrei der Frauen beim Orgasmus oder wenn sie geschlagen werden, das Gequietsche der Straßenbahn, das Scheppern der Gastherme, das Gurren der Tauben, das Bohren in irgendwelchen Wohnungen, alles nehme ich auf. Oft hört man die Geräusche leider nicht mehr richtig, weil es auf dem Band ein Grundrauschen gibt. Das irritiert mich natürlich, weil ich nicht weiß, ob es auf der Welt am Ende nicht generell ein Grundrauschen gibt. Ich habe einmal gelesen, dass es Stille in dem Sinn eigentlich gar nicht gibt. Im Universum soll es auch sehr laut sein. Allerdings können wir das nicht hören, weil das andere Frequenzen sind. Wie bei den Elefanten. Die verständigen sich auch, ohne dass wir das mitbekommen. Selbst Taube hören ihr eigenes Blut zirkulieren. Tauben wahrscheinlich auch. Ein Horror, wenn ich mir vorstelle, dass ich Tag und Nacht nichts anderes höre, als das Zirkulieren meines eigenen Blutes. Interessant wäre zu wissen, ob ein hoher Blutdruck anders klingt als ein niedriger. Wahrscheinlich schon. Der niedrige Blutdruck klingt sicher dumpfer.

Yumiko heißt auf Deutsch übrigens „schönes Kind“. Den Namen muss diese Yumiko aber zu einem Zeitpunkt bekommen haben, als man noch nicht wissen konnte, wie sie später einmal aussehen wird. Ich habe das Gekratze der Japanerin jedenfalls drei- oder viermal aufgenommen. Da ich wissen wollte, was das für ein Stück ist, bin ich mit meinem Aufnahmegerät in einen CD-Laden gegangen und habe es einer Verkäuferin vorgespielt. In den großen CD-Geschäften kann man aber niemanden mehr fragen. Da stehen ja nur noch Fleischhacker- oder Konditorlehrlinge hinter der Budel, die von Musik keine Ahnung haben. Zum Glück war zufällig ein Kunde anwesend, der gleich gewusst hat, was das für ein Stück ist. Das Gekratze war demnach Teil der „Instruktiven Übungsstücke für Violine in verschiedenen Lagen und Sticharten“, Opus 31, eines gewissen Carl Henning. Ich habe diesen Namen noch nie gehört, habe ihn mir aber gleich notiert. Das muss man sich einmal vorstellen: Da fliegt diese Yumiko Kobayashi 9.132 Kilometer von Tokio nach Wien, um mich mit Übungsstücken eines Herrn Henning zu quälen. Und dann unterzeichnen sie ausgerechnet in Japan das Kyoto-Protokoll über den Klimaschutz. Diese Idioten sollen mit dem Klimaschutz einmal im eigenen Land anfangen und allen Japanerinnen verbieten, in Wien ein Musikinstrument zu lernen. Was glauben die eigentlich? Dass hier die Geigen auf den Bäumen wachsen? Oder dass an jeder Straßenecke die Anna Netrebko singt? In Wirklichkeit scheißen die Hunde auf die Straße und die Besoffenen schiffen ungeniert an die Hausmauern. Aber das ist diesen Yumikos und Sakuras, oder wie sie sonst noch alle heißen, vollkommen egal. Die sind glücklich, wenn sie in Wien „Instruktive Übungsstücke für Violine in verschiedenen Lagen und Sticharten“, Opus 31, von Carl Henning spielen können.

Jetzt bellt wieder dieser verdammte Köter im Nachbarhof. Aber ich schwöre, dieser Hund lebt nicht mehr lange. Ich habe mir da schon etwas ausgedacht. Jetzt wird reiner Tisch gemacht. Der Herr von der Taubenabwehrfirma hat mir nämlich auch wegen des Hundes einen guten Tipp gegeben. Das Problem mit dieser Yumiko war ja nicht nur das Geigenspiel, sondern auch dieses unerträglich laute Getrampel in ihrer Wohnung. Anfangs wusste ich gar nicht, was da los war. Erst am dritten oder vierten Tag ist mir klar geworden, dass diese Wahnsinnige Holzschlapfen trägt. Kaum ist sie nach Hause gekommen, ist sie schon in ihre Holzschlapfen geschlüpft, und keine fünf Minuten später ist die Geigerei losgegangen. Natürlich habe ich jedes Mal sofort an die Decke geklopft, aber das war ihr vollkommen egal. Wahrscheinlich hat sie gedacht, dass das normal ist, dass jemand klopft. Ich habe ja keine Ahnung, wie die Japaner wohnen, aber soviel ich weiß, sind dort die Wohnungen so gebaut, dass praktisch jeder jeden hören kann. Ich glaube, dass das mit den Erdbeben zusammenhängt. Deshalb sind die Wände in Japan auch so dünn. Etwas in diese Richtung. Sobald sie also den ersten Schritt in der Wohnung gemacht hat, habe ich mit dem Besenstiel gegen den Plafond geklopft, wodurch sich im Laufe der Zeit natürlich Dellen gebildet haben. Einen Zusatzbesen hatte ich auch immer griffbereit neben dem Bett liegen. Da habe ich mir so eine Verlängerung gebaut, damit ich nicht extra aufstehen muss und die Zimmerdecke auch im Liegen erreiche. Das Blöde war nur, dass irgendwann einmal der Putz zu rieseln begonnen hat und das ganze Zeug auf meinem Kopf gelandet ist. Nach drei Wochen hat es mir dann gereicht und ich habe ihr einen Zettel an die Tür gehängt. Aber leider zeigte sie keine Spur von Einsicht. Also habe ich sie eines Tages im Stiegenhaus abgefangen. Dass sie dann die Treppe hinuntergestürzt ist, dafür konnte ich nichts. Es war wie bei der alten Frau. Jetzt herrscht Ruhe in den Wohnungen über und unter mir.
Der Standard (ALBUM), 25./26. März 2017

Jetzt raucht’s

Wir stehen am Straßenrand im Schatten einer Palme und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Der Asphalt dampft, es hat über dreißig Grad und die Luftfeuchtigkeit beträgt gefühlte neunzig Prozent. Die schwarzen Wolken, die für den kurzen, aber heftigen, Regen verantwortlich waren, sind Richtung Krakatau abgezogen. Ein schmächtiger Becak-Fahrer hält an und möchte uns mit seinem bunt geschmückten Fahrradtaxi unbedingt zum Markt nach Carita chauffieren. Wir lehnen dankend ab, weil wir uns nicht vorstellen können, dass der Mann die sieben Kilometer lange Strecke mit uns als Fracht überhaupt schafft.
Wenig später stoppt ein Sammeltaxi. Es trägt den flotten Namen „Wolf on Street“ und wäre bei uns längst auf dem Autofriedhof gelandet. Dort, wo einmal eine Schiebetür war, ist jetzt ein Loch, und in der Fahrerkabine ragt anstelle eines Ganghebels eine Eisenstange aus dem rostigen Boden. Trotzdem zwängen wir uns in den bereits voll besetzten Laderaum des winzigen Isuzu, wo wir zwischen einem Hühnerkäfig und einer Bananenstaude Platz finden. Für zwei Personen zahle ich 10.000 Indonesische Rupiah (ca. 70 Cent). Der Fahrer steckt den Schein in ein vollgestopftes Plastiksackerl, das an einem losen Draht aus dem Armaturenbrett heraushängt. Angst, dass ihm jemand sein Geld stehlen könnte, scheint er nicht zu haben. Der Fahrer, er heißt Manik, lacht über das ganze Gesicht und freut sich, dass in seine Klapperkiste endlich einmal auch Touristen eingestiegen sind.
Die Straße ist eng und unübersichtlich, aber Manik kennt sich hier aus und weicht den Schlaglöchern ebenso geschickt aus wie den entgegenkommenden Becak- und Motorradfahrern. Einmal werden wir von einem Moped überholt, auf dem eine vierköpfige Familie eine lebende Ziege transportiert.
Uns gegenüber sitzen drei Buben in Schuluniform, von denen jeder eine Taube in der Hand hält. Die Schüler starren uns an und nachdem sie ein paar Worte in ihrem sundanesischen Dialekt gewechselt haben, rafft sich der Ältere von ihnen auf, und sagt: „Hello Mister.“ Obwohl meine Frau einen Schal als Kopfbedeckung trägt, wird sie von ihm demonstrativ ignoriert. Die Erwachsenen nicken anerkennend und lachen. Da es in der Gegend um Sambolo kaum Touristen gibt, sind dieses Mal wir die Exoten, die entsprechend bestaunt werden. Ich deute auf die Tauben und führe eine Hand zum Mund, aber die Schüler geben mir durch energisches Kopfschütteln zu verstehen, dass die Tauben nicht gegessen werden. Was sie mit den Tauben vorhaben, finde ich nicht heraus.
Als wir aussteigen, strömt uns sofort der süßlich-faulige Geruch der Durian-Frucht entgegen, der – vornehm ausgedrückt – an einen reifen französischen Käse erinnert. Oder an ungewaschene Socken. Kein Wunder, dass der Verzehr der Durian-Frucht in vielen Hotels und öffentlichen Gebäuden verboten ist. Für unsere Nasen ist es ein extrem unangenehmer Geruch, aber für die Menschen hier ist die Durian-Frucht die Königin aller Früchte. Angeblich schmeckt sie wie der Himmel, auch wenn sie wie die Hölle stinkt. Aber wir sind standhaft und kaufen stattdessen ein Kilo Litschi, für das wir umgerechnet einen Euro bezahlen.
Auf dem Pasar Carita gibt es alles, was man zum täglichen Leben braucht: Obst, Gemüse, Fisch, Hühner, Kleidung, Werkzeug, Kohle und natürlich Bensin. In den warungs, einer Mischung aus Imbissstand und Gemischtwarenladen, wird das Bensin in Limonadenflaschen oder auf Wunsch auch in Plastiksackerln abgefüllt. Die Fischer, deren Boote in der Lagune von Carita liegen, machen von diesem Angebot ebenso reichlich Gebrauch wie die zahllosen Moped- und Motorradfahrer.
Um Punkt zwölf ruft der Muezzin der nahegelegenen Moschee zum Mittagsgebet, er tut das auf Arabisch. Nur, wenn vor einem Tsunami gewarnt wird, erfolgen die Verlautbarungen der Muezzine im sundanesischen Dialekt, der in der Provinz Banten in West-Java gesprochen wird. Da es auf Java in jedem Ort, in dem mehr als vierzig erwachsene Männer leben, eine Moschee gibt, funktioniert das Tsunamiwarnsystem jetzt besser als im Dezember 2004.
Auf Java wird – im Gegensatz zu Sumatra – eine gemäßigte Form des Islam praktiziert. Nur wenige Frauen sind hier in einen Tschador oder einen Niqab gehüllt und viele tragen nicht einmal ein Kopftuch. Und auch wenn in der Provinz Banten ein striktes Alkoholverbot herrscht, bekommt man unter der Hand sehr wohl Bier und Wein. Dafür muss man allerdings tief in die Tasche greifen. Eine Flasche Bintang-Bier kostet drei Euro und für eine Flasche Wein muss man zwischen dreißig und fünfzig Euro bezahlen. Der gepanschte Alkohol ist zwar billiger, dafür aber auch lebensgefährlicher. Skurril mutet es da an, dass in einigen Supermärkten alkoholfreier Bintang-Radler verkauft wird.
Wir spazieren die Verkaufsstände entlang, zwischen denen Rauchwolken aufsteigen, die von verbrannten Abfällen stammen. Der restliche Müll wird im Straßengraben, im Dschungel oder im nächstgelegenen Fluss entsorgt. Aber so verdreckt kann ein Rinnsal gar nicht sein, dass nicht ein paar Buben mit ihren selbst gebastelten Angeln ihr Glück versuchen würden. Falls es in diesen Gewässern tatsächlich Fische geben sollte, müssen es besonders widerstandsfähige Exemplare sein.
Eine Händlerin bietet zum Glück frische Meeresfische an. Sie werden über dem offenen Feuer gebraten und schmecken hervorragend. Neben dem obligaten nasi goreng, dem gebratenen Reis, werden dazu Gemüse und eine Kokosnuss serviert. Das Ganze kostet fünf Euro – für zwei Personen. Unter dem Tisch wartet bereits eine abgemagerte Katze auf die Essensreste, allerdings sind die Hühner schneller und die Katze hat das Nachsehen.
Nach dem mittäglichen Dsuhr-Gebet treffen wir Juhadi, der uns seit unserer Ankunft in Sambolo nicht nur mit Bintang-Bier, sondern auch mit guten Tipps versorgt. Juhadi hat ein Boot für die Überfahrt zur Vulkaninsel Anak Krakatau organisiert. Am Strand treffen wir Hamsün und Jalal, die bereit wären, uns am nächsten Tag mit dem Motorboot für drei Millionen Indonesische Rupiah zu der Insel zu bringen. Das sind zwar 210 Euro, aber da die Wettervorhersage gut ist und wir unbedingt den Anak Krakatau besuchen wollen, stimmen wir zu.
Am nächsten Morgen herrscht ein ziemlich hoher Wellengang, aber wir tun so, als würde uns das nichts ausmachen. Dass die beiden 40-PS-Motoren während der Überfahrt mehrmals abgeschaltet werden müssen, weil sich Plastikmüll in den Schiffsschrauben verfangen hat, ist nur für uns beunruhigend. Für Hamsün und Jalal ist das reine Routine. Zwei Stunden lang werden wir ordentlich durchgeschüttelt, aber sobald wir unser Ziel erreicht haben, sind alle Unannehmlichkeiten vergessen.
Auf der Insel Anak Krakatau sind wir an diesem Vormittag die einzigen Besucher, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der Vulkan immer noch aktiv ist. Tatsächlich sehen wir aus seinem Krater Schwefeldämpfe aufsteigen. Die Insel Anak Krakatau besteht aus schwarzem Lavagestein, nur ab und zu findet man gelbe Schwefelbrocken. Trotz der kargen Vegetation gibt es hier neben Schlangen und Echsen auch Warane, von denen uns zwei stattliche Exemplare über den Weg laufen.
Als der Krakatau am 27. August 1883 ausbrach, bedeutete das gleichzeitig die Zerstörung des alten Vulkans. Die gigantische Eruption hatte eine vierzig Meter hohe Tsunamiwelle zur Folge, die 165 Dörfer und Städte zerstörte und mehr als 36.000 Menschen in den Tod riss. 1927 erfolgte dann die „Wiedergeburt“ des Krakatau: Nach einer Serie heftiger Eruptionen tauchte Anak Krakatau, „das Kind des Krakatau“, aus dem Meer auf.
Der Anblick des Kraters von Anak Krakatau mit den austretenden Schwefeldämpfen ist imposant, aber auch ziemlich furchteinflößend. Eine Stunde später sitzen wir wieder im Boot und sind froh, als uns Hamsün und Jalal sicher am Strand von Sambolo absetzen. Wir laden die beiden und Juhadi auf einen Bintang-Radler ein, und stoßen auf den Anak Krakatau an, dessen Silhouette weit draußen am Horizont schemenhaft zu erkennen ist.
Der Standard (RONDO), 27. Jänner 2017

Vollpfosten und Steigbügelhalter

Vollpfosten und Steigbügelhalter
Vor ein paar Jahren habe ich in einem Kommentar in der Zeitschrift „Wiener“ Außenminister Kurz als „Vollpfosten“ bezeichnet. Seine jüngsten Vorstöße in Sachen Asylpolitik zeigen, dass ich damals ordentlich untertrieben habe. Kurz’ Idee, außerhalb der EU eine Insel zu mieten, um dort Flüchtlinge zwischenzulagern, ist so jenseitig, dass mir dazu nur noch Verbalinjurien einfallen, die ich besser für mich behalte.
Selbiges gilt auch für den rechten Hardliner in der SPÖ, Verteidigungsminister Doskozil, der sich in seiner Rolle als Steigbügelhalter der FPÖ offenbar pudelwohl fühlt. Sein Vorschlag, Asylanträge innerhalb der EU künftig zu verbieten, gehört jedenfalls zum Reaktionärsten, was in letzter Zeit zu diesem Thema gesagt wurde. Aber irgendwie passt das zu diesem Typen, der in seinem Auftreten an eine Mischung aus einem Metzger und einem Boxer erinnert. Bei Doskozil hat man ständig das Gefühl, als würde er nur darauf warten, endlich einmal ordentlich zuschlagen oder zustechen zu können. Grauslich.
Palmfiction-News, 7. Jänner 2017

Schande über Josef Pühringer und Konsorten

Schon ein kurzer Blick auf die Homepage des „Europäischen Forums Linz“ genügt, um zu wissen, was da am 29. Oktober auf uns zukommt. Angekündigt wird „eine Leistungsschau der patriotischen, identitären und konservativen Arbeit im publizistischen, kulturschaffenden sowie politischen Bereich.“ Und weiter: „Als Verteidiger Europas machen wir uns gemeinsam auf, unsere Völker, Traditionen und Werte zu beschützen.“

Mein Salzburg-ABC

A wie Alpenstüberl: Ende der siebziger Jahre erfreute sich das „Alpino“ in der Alpenstraße nicht nur bei schweren Trinkern, sondern auch bei gewissen Studenten großer Beliebtheit. In dieser klassischen „Bumsen“ konnte man fernsehen – sofern die Rauchschwaden das überhaupt zuließen –, einen Schinken-Käse-Toast essen oder Karten spielen. Und man bekam den Wein in der Doppelliterflasche […]

Wo hat Stalin in Meidling seinen Kabeljau gekauft?

Im Jänner und Februar 1913 hielt sich Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt unter dem Namen Stalin, in Meidling auf, um hier das bahnbrechende Werk „Marxismus und nationale Frage“ zu schreiben. Auf Vermittlung Lenins kam Stalin beim Emigrantenehepaar Alexander und Jelena Trojanowski unter, das mit seiner kleinen Tochter Galina und der Haushälterin Olga Weiland in der […]

Der Edelmarder im Hühnerstall Oder: Wie Herr B. Österreicher wurde

Die Schreckensmeldung stand zuerst in den „Salzburger Nachrichten“: „Erste kulturbolschewistische Atombombe auf Österreich abgeworfen.“ Das rechtsgerichtete Kampfblatt „Die Neue Front“ stellte die kryptische Frage: „Wer schmuggelte das Kommunistenpferd in das deutsche Rom?“ Das „Linzer Volksblatt“ schien die Antwort zu kennen und erweckte mit der Formulierung: „Er dürfte ein gefährlicher Agent sein! Und den lassen wir […]